Entschuldigung 1. Teil

Der ein oder andere Leser mag sich aufgrund der unbeschriebenen Tage ja Sorgen um mein Wohlbefinden gemacht haben. Vielleicht hat er sich sogar die folgenschwere Frage gestellt, ob ich es denn mehrere Tage am Stück ohne Verkostungsnotiz aushalte.
Ich bedanke mich auf jeden Fall für das Mitgefühl und kann Euch versichern, daß die Sorgen zum jetzigen Zeitpunkt vollkommen unbegründet sind. Die erste Schaffenspause legte ich im österreichischem Ehrwald ein, wo ich zwar vorzüglichen Rotwein konsumierte, allerdings wie es sich gehört, ausschließlich zu Tisch. Anders als bei anderen Gelegenheiten verhielt ich mich zur Abwechslung mal zivilisiert und holte nicht mein Notizbuch hervor. Zu trinken gab es u.a. den 2006er Blaufränkisch Chevalier DAC Reserve vom Rotweingut Iby aus dem Mittelburgenland und den durchaus bekannten Arachon eine Cuvee aus Blaufränkisch, Merlot, Zweigelt und Cabernet Sauvignon. Der Chevalier war der zugänglichere der beiden Weine und damit wohl auch der für das Restaurant bessere geeignete. Der Arachon war dagegen einer jener Weine, die mit Luft zulegen und nach und nach neue Facetten offenbaren. Also auf jeden Fall ein spannender Wein, bei dem es lohnt, ihn über einen Abend zu verfolgen. Die Höhenluft setzte mir aber zu, so daß ich nicht allzu aufmerksam war. Ich hoffe, die Leser sind geneigt, mir dies zu verzeihen.
Am Münchner Flughafen checkte ich vor der Rückreise ins norddeutsche Küstenvorland, gemeinhin auch Hamburg genannt, noch im Dallmayr Café ein. Feinschmecker und Weintrinker wissen, daß es hier nicht nur Kaffee gibt sondern auch:

Chablis Domaine Chèvre 2006

Strohgelbe Farbe, Birne, Wachs, blumig
Sehr ungewohnt: fruchtig, leichte Säure, frisch, schwacher Schmelz, gute Länge, leicht mineralischer Nachhall.

nicht unbedingt Chablis-typisch, aber sehr gefällig

Escherdorfer Lump Sivaner Kabinett trocken, 2007

Strohgelbe Farbe, sehr fruchtig, leichtes Pfefferl
Saftig, leichte Säure, fruchtbetont, geradlinig

netter Wein, aber doch ziemlich belanglos, zum Durchschnittskrimi am Abend, falls man den Fernseher partout nicht abschalten kann.
Der zweite Schluck besitzt doch etwas mehr Rasse und Würze. So verträgt er auch die Chips zum Krimi.

Wenn die Angaben zur Wiedererkennung der Weine nicht wirklich ausreichen, so liegt das nicht an meinen Bemühungen sämtliche vorhandenen Informationen von den Karten aufzuschreiben.

Pfalz Riesling 2008

Der Wein ist glanzhell. Einige Perlen zeigen sich an seiner Oberfläche. Die erste Nase duftet nach Zitrone und etwas würzig.  In der zweiten Nase kommen Graipefruit und erdige Noten zum Vorschein.

Am Gaumen ist der Wein eine gelungene Kombination aus Säure, Würze und Frucht. Das ist kein großes Kunstwerk, aber weit mehr als eine solide Arbeit.

Vielleicht sind es gerade diese Basisweine – wie auch der Riesling Kabinett, an denen sich der hervorragende Winzer zeigt.  Diese exzellente Handwerksleistung zu einem derart geringen Preis von 3,40€/l erzeugen zu können, verdient allerhöchsten Respekt.

Der Wein macht viel Spaß und Vergnügen. Wer anderer Ansicht ist, lese bitte noch einmal über sich unter der Überschrift der Weingenießer. Einen schöneren Basisriesling kann ich mir kaum vorstellen. Ein Wein für jede Gelegenheit.

Herkunft: Deutschland – Pfalz
Jahrgang: 2008
Rebsorte: Riesling
Erzeuger: Christian Heußler
Alkohol: 12%
Ausbau: QbA trocken

Rhodter Klosterpfad Spätburgunder 2007

Nein, das ist nicht schon wieder der gleiche Wein. Gemäß Preisliste möchte ich ihn als den großen Bruder vorstellen, den der Winzer in einer kleineren Zelle, nämlich einem Barrique eingesperrt hat. (mutmaßlich 225l, so exakt ist Definition des Begriffs nicht) Weniger Platz heißt mehr Holz, heißt mehr Kosten, heißt höherer Preis. Ich bin gespannt, ob er den Aufschlag von 3,40€ dann auch im Geschmack rechtfertigt. Man will ja annehmen, daß der große Bruder aus seiner Zelle entlassen einen enormen Freiheits- und Mitteilungsdrang verspürt und jetzt all das nachholt, was er in den Jahren der Haft nicht tun konnte. Wobei mancher aus dem Knast arg verbittert oder gar gebrochen wieder kommt…

Der große Bruder trägt natürlich kein Kleid, sondern eine Robe im feinstrichterlichen Kirschrot. Die Farbtiefe ist mäßig ausgeprägt. Zunächst duftet er erdig, würzig und nach Schokolade. Nachdem ihn die ungewohnte Freiheit etwas durchgeschüttelt hat, kommen auch Pfeffer- und Lebkuchennoten zum Vorschein. Die Viskosität ist ordentlich ausgeprägt.

Der große Bruder geht noch etwas schüchtern mit der neuen Freiheit um. Offensichtlich weiß er noch nicht, in welche Richtung er sich bewegen soll. Die magere Kost hat ihn Kraft gekostet und ihm einen leichten Körper verpaßt. Dies kontrastiert mit der Würze und den schokoladigen Noten sowie eine Wärme, die ich nicht anders als alkoholisch beschreiben kann, auch wenn der Alkohol sonst nicht groß raus kommt. Auch die bittere Gerbsäure harmoniert nicht wirklich mit dem Körper. Sehr fein ist jedoch der samtene Nachhall, der eine sehr gute Länge besitzt.

Was soll ich sagen. Ich komme mit dem kleinen Bruder besser zurecht, dessen stürmische und unkomplizierte Art einfach sofort eingängig ist und den Trinker für ihn einnimmt. Es kommt hinzu, daß der große Bruder nicht den Eindruck erweckt, als würde er noch viele Geheimnisse vor dem Trinker für intimere Stunden zurückhalten. Dennoch ist auch der große Bruder ein sehr guter Wein, in der Nase sogar der attraktivere, den man durchaus einmal zu dunkler Schokolade probieren kann.

Nachträglich kann ich hinzu fügen, daß der große Bruder im Laufe des Abends noch auftaute und durchaus gesprächig wurde.

Herkunft: Deutschland – Pfalz – Rhodter Klosterpfad
Jahrgang: 2007
Rebsorte: Spätburgunder (Pinot Noir)
Erzeuger: Christian Heußler
Alkohol: 14%
Ausbau: QbA trocken Barrique

Der Weingenießer

Die Natur wissenschaftlicher Genießer
ähnelt doch sehr der gewöhnlicher Spießer
Sie pressen den Wein in vorgefertigte Schablonen
als könnte man in einer Flasche wohnen

Schnell sieht man wie so jemand verbiestert
stößt er auf unbekannte Kombinationen
Beleidigt wird dann der unglückliche Eingießer
zählt der Wein nicht zu bekannten Epigonen

Hohe Punktzahlen werden abwertend genannt
Das merkwürdige Vokabular ist nur ihm bekannt.
So drischt er wütend auf den Tropfen ein

Nach dem Probieren ist er noch immer angespannt.
und verflucht schließlich den unseligen Wein
dabei schmeckte er eigentlich fein

Rhodter Klosterpfad Spätburgunder 2007

Der Wein trägt ein granatrotes Kleid. Zunächst rieche ich Waldbeeren, Lakritz und Kräuter. Auch nach dem Schwenken bleibt das Bukett in hoher Intensität erhalten. Die Viskosität ist gut ausgeprägt.

Nach dem schönen Geruch habe ich ein kleines agnostisches Gebet in Richtung Bacchus, Dionysos und wens sonst noch interessieren könnte gesprochen. „Enttäusch mich nicht.“ Und siehe da, mein Gebet wurde erhört. Bacchus, Dionysos oder wer sonst auch immer schenkt mir einen Wein mit vollmundiger Frucht, einem ordentlichen Körper und einem mineralischen Nachhall, der eine gute Länge besitzt.

Für mich ist das ein Paradebeispiel für einen deutschen Spätburgunder. Eine schöner Duft, ein fruchtiger Geschmack und eine herrliche Unkompliziertheit. Ein Wein für jeden Tag und zugleich ein Wein, der aus jedem Tag einen guten Tag machen kann. Den Wein würde ich zu einem schönen Kasselerbraten empfehlen.

Herkunft: Deutschland – Pfalz – Rhodter Klosterpfad
Jahrgang: 2007
Rebsorte: Spätburgunder
Erzeuger: Christian Heußler
Alkohol: 13%
Ausbau: QbA trocken – im Holzfaß gereift

Weinfest

Es ist meist kein besondrer Wein
nach dem die durstigen Kehlen schrein
Fast ist’s gleich ob weiß oder rot
Solange weiter Trockenheit droht

Hauptsache Flüssigkeit kommt rein
Auch gestreckt mit Wasser zur Not
Lecker muss das dann gar nicht sein
Zur Neutralisation gibt’s halt ne Scheibe Brot

Von geselligen Freunden auf langen Bänken eingesperrt
Während das Deo des Nachbarn die frische Luft verzehrt
Erfreut man sich am volkstümlichen Gelage

Wer sich gegen steten Nachschub nicht wehrt
Der erlebt das Ende des Fests womöglich als Blamage
Verlässt er es doch sirenenbegleitet auf einer Trage

Rhodter Schloßberg Riesling Granit 2008

Bei Granit muß ich ja sofort an den mächtigen Hermitage an der Rhone denken. Rhone und Rhodt liegt phonetisch ja auch gar nicht so weit voneinander entfernt, aber ganz so steil ist der Rhodter Schloßberg dann doch nicht, und mit der Berühmtheit ist es auch noch nicht ganz so weit. Man stelle sich nur mal vor, einen Hermitage für 8,50€ zu bekommen…

Der Wein hat eine glanzhelle Farbe mit grünlichem Einschlag. Die erste Nase ist mäßig intensiv und duftet nach Pfirsich und Graipefruit. Die zweite Nase ist schwerer zu durchdringen. Sie wirkt frischer und duftet nach Stein und Moos.

Hm…, es fällt mir diesmal erstaunlich schwer, nach dem ersten Schluck ein Urteil zu fällen. Denn insgesamt wirkt der Wein ziemlich unauffällig. Bevor ich noch mehr über mein Vokabular falle, muss ich doch feststellen, daß die kräftige Säure im Wein auffällt. Dies tut sie aber keineswegs negativ. Vielmehr ist sie hervorragend eingebunden. Insgesamt wirkt der Wein extrem harmonisch und ruhig. Dieser Eindruck wird von seinem leichten Körper noch gefördert. Ich stelle fest, daß es sich lohnt, meinen Zweifeln Zeit zu geben, denn während ich über das eben Hinuntergeflossene sinniere, beginnt der mineralische Nachhall, der eine gute Länge besitzt.

Mit das Schönste an Unsicherheit im ersten Schluck ist ja, daß diese Unsicherheit zu einem zweiten Schluck herausfordert. Und wenn man schon mal unsicher ist, sollte man an dieser Stelle unter keinen Umständen aufhören.

Nach x Schlücken konstatiere ich – ja! Das ist der Wein, um ihn nach einem harten Arbeitstag zu trinken. Dann weiß man, wieder wieso man arbeitet. Und weil der Wein nicht so teuer ist wie ein Hermitage, muß man vielleicht gar nicht so hart arbeiten… An der Rhone habe ich zwar Viognier und Marsanne kennen und schätzen gelernt; in ihren Bann haben sie mich aber nicht gezogen. Wie anders da doch dieser feine Rhodter Riesling. Im Gedanken bei den Granitfelsen des Hermitage denke ich doch: Riesling rocks.

Herkunft: Deutschland – Pfalz – Rhodter Schloßberg
Jahrgang: 2008
Rebsorte: Riesling
Erzeuger: Christian Heußler
Alkohol: 12,5%
Ausbau: Spätlese trocken

Rhodter Klosterpfad Weißburgunder trocken 2008

Heute versuche ich mich in der Königsdisziplin der genießenden Alkoholiker oder doch der zu alkoholisierenden Genießer? Egal: Weinverkostung nach einem anstrengenden 30km-Lauf abends um 10! JA!

Der Wein hat eine glanzhelle Farbe. Einige Trubteilchen bzw. Perlen schwimmen an seiner Oberfläche. Die erste Nase besitzt eine ordentliche Intensität und duftet nach Toast und blumigen Noten. Die zweite Nase ist intensiver. Sie duftet nach Drops, Speck, und Blumen.

Der Wein besitzt eine gute Dichte und ist sehr würzig. Er wirkt sehr kräftig und leicht rauchig. Der Nachhall ist etwas streng und würzig. Er besitzt eine ordentliche Länge.

Definitiv nicht geeignet als Erfrischung nach einem langen Lauf. Dafür ist er zu schwer.

Herkunft: Deutschland – Pfalz – Rhodter Klosterpfad
Rebsorte: Weißburgunder
Jahrgang: 2008
Erzeuger: Christian Heußler
Ausbau: Spätlese trocken
Alkohol: 13%

Leichtathletik-WM Tag 9

Ich muß gestehen, ich verspürte schon am letzten Tag der WM Katerstimmung. So schaute ich mir den Marathon der Frauen diesmal im Fernsehen an, auch da ich so mehr vom Verlauf des Rennens mitbekommen konnte als direkt an der Strecke. Mocki lief einen schönen Lauf, doch leider war sie am Anfang doch etwas zu defensiv. Sicher hätte sie auch sonst nichts mit dem Ausgang des Rennens zu tun gehabt, aber vielleicht hätte sie ein paar Plätze weiter vorne landen können. Wie dem auch sei, der von Rußland eröffnete Vierkampf mit China, Japan und Äthiopien, aus dem Rußland als erster mit Seitenstechen aussteigen mußte, war sehr spannend und bot viele Wechsel in der Führung. Daß die Chinesin, die als letzte attackierte, erfolgreich war, gibt Mocki in ihrer Strategie vielleicht doch recht.

Daß für Deutschland an diesem Abend nichts zu holen war, war eigentlich von Beginn an klar. Schließlich gab es auch nur noch 2 Finale mit deutscher Beteiligung. Doch das war nicht schlimm; die deutschen Athleten hatten uns in den vergangenen Tagen mit einem wahren Medaillenregen verwöhnt. Enttäuschungen gab es eigentlich keine, dafür jede Menge postiver Überraschungen.

Ich weiß nicht, woran es liegt, daß ich jetzt über so wenig von diesem Abend schreiben will. Vielleicht an der wehmütigen Stimmung, weil ich wußte, daß diese großartige Veranstaltung an diesem Abend zu Ende gehen sollte und irgendwo im Unterbewußtsein schon ahnte, daß mich am  nächsten Tag die Arbeit erwartete.

Faszinierend war der 5.000m-Lauf. Vor der WM hieß es ja noch Bekele würde nur über die 10.000m starten, doch nun war er auch über 5.000m dabei. Es überraschte, daß er sich von Anfang an sehr aktiv an der Führungsarbeit beteiligte. Noch überraschender war es, daß der Lauf trotz dessem oder sogar deswegen sehr langsam war. Bekele schien sich voll auf seinen Endspurt zu verlassen. Ob er so etwas noch einmal wagt, weiß ich nicht, denn das Duell, das ihm Bernard Lagat aus den USA bot, war grandios. Lagat hatte Bekele auf der Zielgeraden schon überholt, als dieser noch ein paar allerletzte Körner Kraft mobilisierte und Lagat niederrung. Wahrscheinlich war Bekele nach den vielen Wettkämpfen nicht mehr zu einer Topzeit in der Lage und entschied sich daher für diese Taktik. Meinen Glückwunsch dafür, daß sie aufging – wenn auch nur hauchdünn.

Daß auch das 800m-Rennen der Männer mit Mbulaeni Mulaudzi von einem südafrikanischen Mann gewonnen wurde, bot natürlich reichlich Anlaß zum Schmunzeln, wobei ich mich bei Caster Semenya für diesen unangbrachten Witz entschuldigen möchte. Es war ein spannendes Rennen, bei dem ich den Eindruck hatte, daß der stärkste Läufer, der eingeklemmte Amine Laalou, leider nicht entscheidend in den Zielsprint eingreifen konnte.

Diese Beobachtung wird beim 1.500m-Rennen der Frauen interessant. Hier möchte ich nicht in der Haut der Jury stecken. Ja, Natalia Rodriguez hat Gelete Burka umgestoßen, und jeder im Stadion hat es gesehen. Was nicht jeder erkannt hat, ist, daß Burka nicht konsequent innen lief, also eine Art Minimalschlupfloch bzw. zumindest den Anreiz zum Innenpassieren für Rodriguez bot. Wäre Burka ganz innen gelaufen, stellte sich die Frage nicht und Rodriguez gehörte, wie von einigen Zuschauern praktiziert, ausgepfiffen. Meines Erachtens trägt Burka durch den von ihr praktizierten Laufstil jedoch eine gewisse Mitschuld. Die Entscheidung zur Disqualifikation der Ersten Rodriguez halte ich jedoch für konsequent. In der Vergangenheit wurden Läufer bereits für deutlich geringeren und unabsichtlichen Körperkontakt disqualifiziert.

Die Begeisterung bei den 4*400m der Frauen wirkte diesmal etwas weniger stark, und daß obwohl ich diesmal auch aufstand – es war ja immerhin ein Finale. Zu deutlich war wohl, daß das deutsche Quartett hier nichts mit der Entscheidung zu tun hatte.

Mit den 4*400m der Männer und einem überlegenen Sieg der amerikanischen Staffel um Kerron Clement ging die WM dann für mich zu Ende. Auf die Abschlußfeier verzichtete ich dann doch, um meine Abreise etwas einfacher zu gestalten.

Es waren herrliche Tage, wunderschöne Wettkämpfe, eine friedliche und begeisternde Atmosphäre. Es gab unterhaltsame Athleten, große Kämpfe und beeindruckende Leistungen. Die Leichtathletik hat alles gezeigt, was sie zu bieten hat, und wer das neun Tage lang verfolgt hat, ist aus dem Staunen nicht mehr herausgekommen. Gerade deshalb ist es schade, daß so wenig Besucher da waren. Gerade bei jungen Zuschauern hätte dieses Ereignis eine ungeheure Begeisterung auslösen und sie für die Leichtathletik faszinieren können. Mir hat es auf jeden Fall so gut gefallen, daß die EM 2010 in Barcelona einen sehr ernsten Gedanken wert ist, in der Hoffnung dort ebenso heitere Tage zu verbringen.

Leichtathletik-WM Tag 8

Nicht deutete an diesem Tag auf den Regen des Vortag hin. Bei für die Zuschauer angenehmen Temperaturen und Sonnenschein startete der Marathon der Männer um 11:45, was für die Läufer dann natürlich schon fast zu spät war. Für mich bot es genug Zeit, um nach einem morgendlichen Lauf an die Strecke zu kommen. Ob es nun gut war, daß der Marathon komplett in der Stadt verlief und sein Ziel am Brandenburger Tor statt im Stadion hatte, oder nicht, ist eine schwierig zu beantwortende Frage.
Die vier Runden boten den Zuschauern die Gelegenheit, die Läufer häufiger hautnah zu sehen. Dies war in Göteborg aber auch möglich trotz Zielankunft im Stadion. Andererseits waren so keine Zuschauer im Stadion und dafür mehr Zuschauer an der Strecke, welche die Läufer zusammen mit den ohnehin marathonbegeisterten Berlinern anfeuern konnten. Aus eigener Erfahrung weiß ich auch, wie geil ein Zieleinlauf durch das Brandenburger Tor ist, wobei ich mich als Deutscher dabei natürlich auch emotional stark an das Tor gebunden fühle. Für den Zuschauer von Nachteil war jedoch die geringe Anzahl an Leinwänden entlang der Strecke, so daß man den Marathon eigentlich nur am Brandenburger Tor durchgängig verfolgen konnte. Auch nervig waren die unnötig strengen Streckenposten, die ein Überqueren der Straße fast unmöglich machten, obwohl es große Zeitfenster zwischen den Läufern gab. Solche Kontrollen würde ich mir mal bei einem vollen Marathonfeld wünschen.
Mit einigen anderen stand ich an der Siegessäule und machte es mir in den, da das Feld immer weiter auseinanderriß, stetig kürzer werdenden Pausen auf dem Rasen bequem. So hatte ich zwar einen sehr faulen und beschaulichen Vormittag, erfuhr von dem Sieger Kirui aber erst aus dem Fernsehen mit deutlicher Verspätung.

Im Anschluß an den Marathon erfolgte übrigens auf der gleichen Strecke ein 10km-Rennen für Hobbyläufer, der sogenannte Champions-Run, von dessen Organisation mir Mitlaufende sehr Schlechtes berichteten. Schade eigentlich. Schließlich gibt es in Berlin wahrlich genug Know-How, um große Laufveranstaltungen zu organisieren. Mich hatte insbesondere der Preis gestört, den ich als Abzocke empfand. Den Lauf als Charity-Run zu bezeichnen, empfand ich als zusätzlichen Hohn. Von den 27€ Startgeld gingen sage und schreibe 2€ an eine Hilfsorganisation, deren guter Name damit so in den Schmutz gezogen wurde, daß ich ihn lieber nicht nennen will. Hätte der Lauf das Gleiche gekostet und wären 12€ an eine Wohltätigkeitsorganisation gegangen, wäre ich wahrscheinlich gerne gelaufen. Immerhin ist mir so das Chaos erspart geblieben.

Der Abend sollte der Abend der Verletzten werden. Doch das konnte zunächst noch niemand wissen. Zunächst sah es so aus, als sollte es vor allem der Abend werden, an dem das Olympiastadion tatsächlich nahezu vollständig gefüllt war. Aber obwohl es seit Wochen hieß, daß dieser Abend ausverkauft sei, blieben doch noch vielleicht 5.000 Plätze frei. Auf jeden Fall war es ein anderes Publikum, das mir etwas weniger Leichtathletik-versiert und etwas mehr national begeistert erschien. Natürlich wurden auch in den Vortagen, die deutschen Athleten besonders angefeuert – auch von mir – aber die Relationen zu dem Anfeuern fremder Athleten schien zu stimmen und gewährte auch diesen einen fairen Beifall für gute Leistungen sowie Unterstützung bei dem Erzielen solcher. Das Publikum war eben auch überaus sportlich. So leid es mir tut und so sehr ich damit wohl auch eine Einzelmeinung verkörpere: die 4*400-Staffel der Frauen war für mich beinahe der negative Höhepunkt. Für den Vorlauf der deutschen Staffel stand das ganze Stadion die volle Zeit. Sicher war das eine tolle, vielleicht sogar einzigartige, Stimmung, aber wenn ich das mit dem müden und nicht mal ernsthaft bemühten Applaus für den frisch gebackenen Weitsprungweltmeister Dwight Phillips vergleiche, möchte ich mich bei diesem eigentlich für das Publikum entschuldigen.

Wettkampf des Abends war für mich aber weder der 4*400m-Vorlauf noch das Weitsprungfinale sondern der Hammerwurf der Frauen. Anita Wlodarczyk muß es mir verzeihen, daß ich zuerst von der sensationellen Leistung von Betty Heidler schwärme. Sie bot einen wahnsinnigen Wettkampf. Sie fing mit einer Superweite von knapp über 75m an und steigerte sich mit jedem weiteren Wurf bis zur persönlichen Bestweite und neuem deutschen Rekord von 77,12m. Nur ein Wurf von ihr fiel aus der Reihe und blieb knapp unter 75m. Die Größe dieser Leistung wird deutlich, wenn man bedenkt, daß Heidler sich mit jedem ihrer 5 Würfe über 75m die Goldmedaille verdient hätte…, ja wenn nicht die Polin Anita Wlodarczyk in dem einzigen Nicht-Heidler-Wurf des Abends über 75m einen neuen Weltrekord aufgestellt hätte. Abgerundet wurde das Hammerwerfen von einem tollen 4. Platz der zweiten Deutschen Kathrin Klaas, die sich nur knapp geschlagen geben mußte. Fairerweise muß ich betonen, daß der Polin sicher noch weitere gute Würfe zuzutrauen gewesen wären, hätte sie sich nicht bei den Jubelsprüngen über den Weltrekord ihren Knöchel verstaucht. So mußte sie auf weitere Würfe verzichten und bewies aber Humor als sie zur Kür des 6. Versuchs antrat und den Hammer spielerisch aus dem Stand etwa 30m weit warf. Dies war also der erste Teil des Abends der Verletzten.

Der Abend der Verletzten sollte sich beim 4*100m Staffellauf fortsetzen. Die US-Amerikanerinnen sollten diesmal einen besonders schmerzhaften Wechsel erleben. Als die 3. Läuferin Muna Lee den Stab entgegennahm, spürte sie eine üble Verletzung und sprang humpelnd in Richtung Bande. Diesmal waren Sanitäter zur Stelle und mußten sie minutenlang behandeln. Die Staffelläuferinnen bewiesen dabei einen tollen Teamgeist und wichen nicht von ihrer verletzten Kameradin und begleiteten sie auch ins Stadioninnere. Da boten US-Staffeln in der Vergangenheit schon Gelegenheiten für andere Bilder. Als die drei Unverletzten kurz darauf zurück kommen mußten, verabschiedeten sie sich winkend und lächelnd vom Publikum. So sehen die Sieger der Herzen aus.
Durch den Ausfall der US-Staffel konnte die deutsche Staffel sensationell Bronze gewinnen. Für dieses Finale stand ich auch gerne auf. Verena Sailer stürzte dabei ins Ziel und zog sich schwere Schürfwunden zu, so daß sie die Ehrenrunde und die verdienten Standing Ovations mit einem schmerzverzerrtem Lächeln genießen mußte. So viel zum 2. Teil des Abends der Verletzten.

Der dritte Teil des Abends der Verletzten war der Stabhochsprung. Sowohl beim Hochsprung als auch beim Stabhochsprung konnten wir in den vergangenen Tagen Favoriten beim Pokern sehen, die daran teilweise scheiterten. Als Steven Hooker verkündete, erst bei 5,80m einzusteigen, war jedoch klar, daß er mit einem anderen Blatt pokerte als Elena Isinbaeva oder Ariane Friedrich. Hooker hatte Nichts in der Hand und setzte alles auf dieses miese Blatt. Es war nicht überraschend sondern folgerichtig, daß Hooker angesichts der erfolgreichen Konkurrenz seinen Einstieg sogar noch einmal hinaus schob. Die Frage war einfach nur, wieviele Sprünge Hookers schmerzender Körper ihm erlauben würde. Er wußte, daß ihm ein Sprung zum Sieg reichen mußte, und so war es weiterhin konsequent, als der Franzose Mesnil 5,85m übersprang seine zwei verbleibenden Versuche nach 5,90m zu verschieben. Als Hooker dann tatsächlich 5,90m im 1. überquerte, ging ein Raunen durch die Menge. Hooker selbst konnte seinen Triumph nicht fassen und schien fast schuldbewußt, als er den Franzosen Mesnil und Lavillenie gratulierte. Sein Trainer vergrub lange Zeit ungläubig das Gesicht in den Händen. Ein toller Erfolg für den sympathischen Australier.

Für mich gab es einen weiteren Magic Moment an diesem Abend, der das Besondere an Leichtathletik-Weltmeisterschaften beinhaltete. Binnen zwei Minuten warf die Polin Anita Wlodarczyk Weltrekord, stand der Weitspringer Dwight Phillips als Weltmeister fest und gingen die 5.000m Läuferinnen in die letzte Runde, an deren Ende die Kenianerin Vivian Cheruiyot triumphieren sollte. Diese Überschneidung, ja gar das Überschlagen der Ereignisse, war ganz typisch für diese WM, bei dem einem keine Sekunde langweilig war und man immer wieder vom nächsten Ergebnis überrascht wurde. So ging es auch der Wetrekordlerin Anita Wlodarczyk, die nur mit Mühe von den Streckenposten davon abgehalten werden konnte, mitten im Finale des 5.000m Laufs die innere Laufbahn zu überqueren.