Bundestagswahl 2009 – die 11.

Eine weitere Wahlanalyse zu machen, bringt eigentlich nichts. Schließlich haben die Profis schon so viel darüber geredet, daß es nur noch Zufall sein kann, wenn man etwas nennt, was sie noch nicht erwähnt haben. Ich habe ihnen gegenüber den Vorteil, daß ich niemandem nach dem Maul reden muß und sie alle beleidigen kann, was ich dann auch sehr gerne tuen will.

Fangen wir an mit der christdemokratischen/christsozialen Legende des barmherzigen Samariters, welcher trotz kältester Temperaturen, für die FDP noch seinen Mantel teilt und ihr seine Zweitstimme gibt. All die Hinweise von CDU und CSU auf das Stimmensplitting gingen am Kern der Sache vorbei.
Anders als in der Vergangenheit mußten die Unionswähler diesmal nie ernsthaft bangen, daß die FDP die 5%-Hürde nicht überspringen würde. Von Leihstimmen an die FDP kann daher nicht die Rede sein. Die FDP-Wähler wollten auch wirklich die FDP wählen! Oder sie betrachteten die FDP zumindest als das kleinste Übel. Daß die FDP-Wähler, eine Regierung von Frau Merkel wollten und ihre Stimme gesplittet haben, dürfte kaum zu bestreiten sein, doch für diese Leihstimme bei der Erststimme hätten sich die Unionspolitiker, insbesondere die Inhaber der 21 Überhangmandate, eigentlich bedanken müssen. Daß sie stattdessen versuchten, diese Wähler zu vereinnahmen, deutet für mich daraufhin, daß die Union die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt hat oder erkennen will. Daß auch sie einen Erosionsprozeß durchlebt und ein für eine Volkspartei sehr schlechtes Ergebnis einfährt, will sie offensichtlich noch nicht wahrhaben. Die Argumente der Union erinnerten mich sehr an die Sprüche nach der Bayernwahl 2008, als die CSU-Granden, das schlechte Ergebnis mit einem den Wähler verarschenden Gefasel von der Bandbreite des bürgerlichen Spektrums schönzureden versuchten.

Vielleicht ist das Ergebnis der CSU von „nur“ 42% ja eine der positiven Aspekte. Es wirkt fast so, als befreie sich der Freistaat von seiner Sonderrolle und komme langsam in einer liberalen Bundesrepublik an.

Besonders enttäuscht hat mich am Wahlabend der Erfolg der CDU in Schleswig-Holstein. Wer einen Carstensen oder einen Koch wählt, soll bitte nicht so heuchlerisch sein zu glauben, er würde einen Bush, einen Berlusconi, einen Haider oder einen Le Pen nicht wählen. Er würde! Und wahrscheinlich viele noch Schlimmere auch. Aber ich vergaß, wir haben es mit der seit Adenauer vom rheinischen Katholizismus geprägten CDU zu tun. Heucheln ist ihnen eine zweite Haut geworden. Solange es die CDU nicht aus eigener Kraft schafft, Leute wie Carstensen und Koch von der politischen Bühne zu verweisen, wird sie für mich unwählbar bleiben. Doch es stimmt mich sehr traurig, daß diese linken Scharlatane (link nicht links) noch immer ihre Wähler und außerdem Koalitionspartner finden. An diesen Tagen scheint mir die Diktatur des Terrorregimes von KeinAlkoholistauchkeineLoesung.de doch eine durchaus interessante Alternative, von der alle profitieren könnten. Die ersten Maßnahmen wären auch schon feststehen: Abschaffung der Sektsteuer und Befreiung des Weins von der Mehrwertsteuer.

Na ja zurück aus der traurigen politischen Landschaft meines Nachbarbundeslandes zum Berliner Kabarett. Nebenbei, ich glaube ja, daß der Niedergang des politischen Kabaretts damit zu tun hat, daß die Phantasie der Kabarettisten so etwas wie die Realität sich gar nicht ausdenken könnte.
Ähnlich ging es mir um 18 Uhr als die erste Prognose bekanntgegeben wurde. Ja, ich hatte erwartet, daß es eine knappe Sache zwischen Schwarz-Gelb und dem Rest würde und mich inhaltlich, wenig begeistert, auf eine Fortsetzung der großen Koalition eingestellt. Ich hatte auch erwartet, daß die SPD nicht gut abschneiden würde, doch das was dann als Prognose veröffentlicht wurde, konnte ich selbst bei der ersten Hochrechnung kaum glauben. Natürlich hatte ich die Umfragen der vergangenen Wochen und Monate zur Kenntnis genommen, doch wahrscheinlich ging es der SPD-Spitze genauso wie mir, ich hatte nicht erwartet, daß es wirklich so schlimm kommen würde. Sicher an 30% habe ich nicht geglaubt, doch 22-23%, das ist derart bitter, daß mir dafür noch immer die Worte fehlen. Im Nachhinein muß ich so etwas wie Bewunderung für die rhetorischen Fähigkeiten von Steinmeier bekunden, denn er hat unglaublich viele Worte für das Ergebnis gefunden, auch wenn sie an mir, der immer noch fassungslos vorm Fernseher saß, vorbei gerauscht sind.

Wenn man analog zu CDU/CSU die Ergebnisse von LINKE und Grüne als linkes oder soziales Spektrum für sich vereinnahmen würde, täte das Ergebnis ja gar nicht so schlecht aussehen, doch dies verdeutlicht vielleicht ein Problem der Linken für die Zukunft. Ähnlich wie in Italien steht der konservative Flügel recht geschlossen zusammen, während die Linke dabei ist zu zersplittern. Für viele in der SPD wird, wie ja auch das Scheitern in Hessen gezeigt hat, eine Koalition mit der LINKE eine nicht gangbare Lösung sein, und für viele SPD-Wähler wird eine Kooperation der SPD mit der LINKE ein Grund sein, ins konservative Lager (zurück) zu wechseln, wie Hessen ja überaus deutlich gezeigt hat, wobei das persönliche Verhalten der Spitzenkandidatin hier sicher zusätzlichen Treibstoff für einen Wechsel bot. Gleichzeitig ist für viele SPD-Wähler eine an der Mitte und an einer realistischen, zeitgemäßen Politik ausgerichtete SPD eine Partei, die ihre Wurzeln verloren hat, und sie wechseln zur LINKE. Ein Zusammenkommen von LINKE, SPD und Grüne kommt mir auf Landesebene immer noch befremdlich und auf Bundesebene unmöglich vor.

Die SPD steckt in der Zwickmühle. Einerseits rückt die CDU mehr zur linken Mitte, um sich gegenüber der FDP abzugrenzen. So drückt die CDU die SPD aus der linken Mitte. Andererseits greift der SPD die LINKE die Wähler auf der linken Seite ab und zieht die SPD nach links.

Ich fürchte, daß die SPD sich daher in der nächsten Legislaturperiode deutlich nach links bewegt, so daß die Grünen bei der nächsten Wahl die einzige Partei des linken Flügels sein werden, die eine realistische Politik betreiben können. Dabei kommt die Befürchtung hoch, daß den Grünen dann eine Jamaika-Koalition auf einmal näher ist als Rot-Rot-Grün.

Das zwar positive aber gleichzeitig auch belanglose Abschneiden der Grünen verdeutlicht wohl auch ihre Sonderrolle. Die mit der Agenda 2010 unzufriedenen SPD-Wähler wollen nicht zu den mitschuldigen und ebenfalls der Mitte verpflichteten Grünen wechseln sondern zu den radikalen Spinnern der LINKE. Wenn die Grünen dem linken Flügel einen Dienst erweisen wollen, müssen sie versuchen die Erosion der SPD in der Mitte aufzufangen. Diese Wähler muß sie auffangen, bevor sie zu CDU und FDP wechseln oder der Wahl fern bleiben. Dies ist für die Grünen wahrscheinlich auch das realistischte Wachstumsszenario.

Es wird dem ausdauernden Leser nicht entgangen sein, daß mir der Wahlausgang überhaupt nicht gefällt. „Warum?“, mag er fragen. „Wir hatten doch schon 16 Jahre Schwarz-Gelb, ohne daß die außer der Schwarzgeldaffäre und dem damit verbundenen Verrat am Grundgesetz etwas Schlimmes gemacht hätten.“ Das Schlimme ist erstens, daß sie damals wirklich nichts gemacht haben, insbesondere nichts um die spätestens Mitte der 90er absehbaren negativen Folgen der Einheit für die Sozialsysteme Deutschlands abzumildern. Es bedurfte der Agenda 2010 um hinter Schwarz-Gelb aufzuräumen.

Doch ich will gar nicht in der Vergangenheit wühlen, sondern in meine Kristallkugel schauen. „Die Politik soll sich wieder an den Leistungsbringern orientieren und diese belohnen.“ So heißt es. Dabei bleibt die Frage, wer denn die Leistungsbringer sein sollen. Früher nannte man sie Besserverdienende, doch das erwies sich als rhetorisches Eigentor.
Deswegen umwarben bei dieser Wahl alle Parteien außer der LINKE die sogenannte Mitte und umtanzten sie wie das goldene Kalb. Zurecht haben sich viele SPD-Wähler an dieser Stelle wohl gedacht, wer noch an die Unterschicht und die Schwachen der Gesellschaft denkt. Auch deshalb mußte sich die SPD immer wieder der kritischen Frage nach der sozialen Gerechtigkeit stellen.

Und genau an dieser Stelle kommt ein häßlicher Sprung in meiner Kristallkugel. Gefühlt sehe ich Deutschland momentan an einem Scheidepunkt. Gefühlt beobachte ich, daß der Aufstieg aus der Unterschicht in die Mitte immer seltener wird, während der Abstieg aus der Mitte in die Unterschicht häufiger wird. Neben der Verschlechterung der sozialen Bewegungsdynamik scheint in der Unterschicht eine enorme Resignation und Frustration eingekehrt zu sein. Während viele der SPD-Granden beachtliche Aufstiegskarrieren hinter sich haben und stets danach gestrebt haben, sich aus ihrem ursprünglichen Milieu hochzuarbeiten, wird diese Chance heutzutage in der Unterschicht scheinbar nicht mehr wahrgenommen.
Ich bin der naiven Überzeugung, daß Deutschland immer noch ein Land ist, in dem für jeden, der sich bemüht, der sich abrackert und der nicht komplett auf den Kopf gefallen ist, echte Aufstiegschancen bestehen. Die Einführung von Studiengebühren, Rückzahlung des Bafög etc. haben diese Aufstiegschancen sicher verschlechtert, und es muß der Rot-Grünen Regierung vorgeworfen werden, daß das Fördern des von ihr zurecht propagandierten Fordern und Fördern immer noch nicht richtig greift, doch unter Schwarz-Gelb habe ich nicht die Hoffnung, daß hier angesetzt wird. Eine Politik, die sich an den „Leistungsträgern“ orientiert, ist dazu geeignet Frustration und Resignation bei denen, die schwerst schuften und trotzdem auf Unterstützungsleistungen angewiesen sind, zu verstärken. Meine Kristallkugel sagt mir, daß sich die soziale Schere in den nächsten 4 Jahren weiter ausweitet. Die Kristallkugel sagt vier Jahre verlorene Zeit voraus, in denen Jugendliche aus den Unterschichten weiterhin nicht abgeholt werden und ihnen keine Perspektive aufgezeigt wird. Das ist der wesentliche Grund wieso ich echte Angst vor vier Jahren Schwarz-Gelb habe. Die 16 Jahre unter Kohl kamen zu einem Zeitpunkt als es Deutschland richtig gut ging und wir leben konnten wie die Maden im Speck.

Jetzt sind Lösungen für die Unterschicht gefragt. Wie schafft man es auch den Hoffnungslosen eine Perspektive zu geben. Darauf hat noch kein Politiker eine Antwort gegeben. Die geforderte Erhöhung von Hartz IV wirkt an dieser Stelle fast so höhnisch wie der absurde Spruch „Reichtum für Alle“. „It’s not just the economy – stupids“ möchte ich den Politikern jeder Partei, aber insbesondere denen der zukünftigen Regierung, die sich den alten Spruch besonders zu eigen gemacht haben scheinen, zurufen, doch meine Stimme ist vermutlich zu leise, um bei ihnen Gehör zu finden.

Meine abschließende Prognose für die nächsten vier Jahre ist daher, daß die Auswandererreportagen ihre Einschaltquoten massiv ausweiten. Wen dies frustriert, dem sei das Motto der Website nahe gelegt: „Kein Alkohol ist auch keine Lösung.“ Cheers!

Bourgogne Pinot Noir 2007

Der Wein hat eine ziegelrote Farbe. Die Farbtiefe ist ordentlich. Zum Rand hin wird der Wein noch einmal deutlich heller. Zunächst kommt mir ein sehr typischer Duft nach Erdbeeren gepaart mit Tannenzapfen entgegen. Nach dem Schwenken gesellen sich zu der Erdbeernote Rosmarin und eine Spur Lakritze. Die Viskosität ist ordentlich ausgeprägt.

Der eher leichte Körper steht im Kontrast zu der etwas ruppigen Textur des Weins und der dadurch ausgestrahlten Kraft. Dazu kommen im Abgang durchaus präsente Gerbstoffe, die den kräftigen Charakter unterstreichen. Dennoch handelt es sich um einen eher filigranen und eleganten Rotwein und nicht um einen Muskelprotz. Der Nachhall wartet mit einer guten Länge aus und besitzt eine Spur Mineralität.

Das ist schon recht viel Wein für mittleres Geld. Das PLV kann also wohl als noch angemessen bezeichnet werden. Am liebsten möchte ich den Wein zu einem Käse probieren, vielleicht einen echten Parmegiano.

Herkunft: Frankreich – Burgund – Cote D’Or
Jahrgang: 2007
Rebsorte: Pinot Noir
Erzeuger: Coche Bizouard
Ausbau: AOC nicht filtriert
Alkohol: 12,5%

Oktoberfest

Jetzt ist wieder Zeit zum trunknen Schunkeln
Die Leute gehen sich enttäuscht an den Hals
sind sie nicht erfolgreich beim Munkeln
denn sie sind ja auf der Balz

Schaffen sie es nicht einmal im Dunkeln
siehst du wütend ihre Augen funkeln
Statt Gerste Hopfen und Malz
empfehle ich nen Rotwein aus der Pfalz

Mißlingen auch die KO-Tropfen
fangen sie an sich wild zu kloppen
und nur die Bullen können sie dann stoppen

Statt mit billigstem Hopfen
ihre Enttäuschung flüssig zu stopfen
nähmen sie besser einen Pfälzer Schoppen

Bundestagswahl 2009 – die 10.

Das Volk hat gewählt, und die Ergebnisse stehen fest.

Für KeinAlkoholistauchkeineLoesung.de stelle ich bedauernd und mit großer Sorge fest: Das Wahlziel wurde ganz klar verfehlt. Tatsächlich ist es 6 Parteien gelungen, die 5%-Hürde zu überspringen und in den Bundestag einzuziehen. Daß das Verfehlen dieses großen Ziels nicht an den Lesern gelegen hat, ist mir selbstverständlich bewußt. Für Euren unermüdlichen Einsatz, der Euch selbst in die Altersheime der Republik geführt hat, wo Ihr den dortigen Bürgern zur Hand gegangen seid, damit diese zittrigen Finger nicht aus Versehen das Kreuz an der falschen Stelle machen, möchte ich mich daher an dieser Stelle ganz ganz herzlich bedanken.

Ohne Eure Begeisterung und Euren Zuspruch hätte wahrscheinlich auch ich Zweifel an der Erreichbarkeit dieses Ziels gehabt. Doch das Glitzern in Euren Augen und das abwechselnde enthusiastische Skandieren der Parolen von MLPD, Rentner- und Familienpartei hat mich immer wieder aufgebaut und an eine gute Zukunft für unser Land glauben lassen.

Mit großer Sorge sehe ich nun die Tortendiagramme der Sitzverteilungen und das, was  mich beunruhigt ist nicht, daß die eine Hälfte der Torte bereits weggegessen ist, schließlich wäre der wissenschaftlich korrekte Begriff „grafisch modifiziertes Halbkreisdiagramm“.  Nein meine große Sorge rührt daher, daß ich sehe, daß die Parteien trotz all unserer Bemühungen noch immer in der Gesellschaft verankert sind. Der Anteil unserer Fraktion, der Sonstigen, mit 6% spiegelt nicht die Eindrücke wieder, die ich in den letzten Jahren auf den Marktplätzen der Republik gehört habe.  Dort habe ich immer nur wüste Beschimpfungen der Politiker und der Parteien gehört, neben denen ich mich wie ein Waisenknabe anhöre. Das Ziel, die Parteien zu bestrafen, war bei all meinen Gesprächspartnern unmißverständlich.

Während die Politiker noch nach den Gründen für das Abschneiden ihrer Parteien suchen, bin ich schon weiter. Die intensive Ursachenforschung für das doch deutliche Verfehlen des Wahlziels ist eindeutig:

Die Briefwähler sind schuld!

Sie hatten einfach nicht die Geduld am Briefkasten darauf zu warten, daß ein anderer Briefwähler vorbeikommt und diesen zu fragen, was er gewählt hat und dann, ihm dankend, das eigene Kreuz eine Zeile tiefer zu machen. Diese Schmarotzer sollten sich wirklich einmal überlegen, was sie unserem Land und unserer Demokratie schuldig sind. Weder sind sie bereit, ihre Zeitplanung darauf einzurichten, am Wahltag ins Wahllokal zu gehen und dort mit ihrem Vor- und Nachwähler ihre Zweitstimme abzustimmen, noch schaffen sie es, bei strömenden Regen durchschnittlich 27 Stunden auf den nächsten Briefwähler an ihrem Briefkasten zu warten.

Da sich das unverantwortliche und eigensinnige Verhalten der Briefwähler wahrscheinlich nicht ändern läßt, werde ich vor der nächsten Wahl gut überlegen, entsprechende Schritte vorzuschlagen, um die erfolgreiche Abgabe der Stimmzettel per Briefwahl zu verhindern. Spontan denke ich an Aktionen, wie das Absägen aller Briefkästen ab dem Zeitpunkt des Versands der Wahlunterlagen. Sitzblockaden vor den Postfilialen erübrigen sich, da die Post bis in 4 Jahren ohnehin ihre letzte Filiale geschlossen hat.

Wie Ihr seht, liebe Mitstreiter, bin ich nicht gewillt, den Kopf in den Sand zu stecken, sondern denke an die Zukunft und daran, wie wir unsere Position stärken können. Auch wenn wir diesmal nicht erfolgreich waren, werde ich weiterhin meine Stimme erheben gegen alles, was mir nicht paßt und bitte Euch mich auch weiterhin auf diesem Kurs zu begleiten.

Ich habe bereits mein Versäumnis eingestanden, an die Briefwähler gedacht zu haben, dieses elende undemokratische Gesindel, doch das ist leider nicht genug. Meine Wahlanalyse hat eine zweite schwerwiegende Fehleinschätzung zu Tage gebracht. Der Aufruf zum Stimmensplitting, Erststimme für den Kandidaten Eurer Wahl und Zweitstimme in Abhängigkeit von dem, was der Vordermann gewählt hat, war möglicherweise für einige Wähler doch zu kompliziert. Von dem unverständlichen Politikerkauderwelsch im Wahlkampf derart verwirrt, daß sie nicht mehr wußten, was links und was rechts ist, haben sie einfach beide Kreuze in einer Zeile gemacht, was den großen Parteien natürlich in die Hände gespielt hat. Ich verspreche, daß ich für die nächste Wahl auch eine Lösung für diese minderbemittelten Wähler finde. Am besten wäre es wahrscheinlich, für sie eine Anleitung herauszugeben, wie sie ihre Stimme ungültig machen, aber das muß mein Kompetenzteam zunächst noch einmal durchleuchten.

Euch rufe ich zu. Seid stolz auf das Erreichte. Zu den offensichtlichen 6% dürfen wir durchaus auch je rund 4% der 6 im Parlament vertretenen Parteien als unsere Wähler betrachten. Damit kommen wir bereits in diesem Jahr auf 30% der abgegebenen Stimmen und sind bereits jetzt die stärkste Partei, auch wenn wir leider doch im Bundestag sitzen. Dennoch sind die binnen so kurzer Zeit erreichten 30% für mich nicht nur ein Ansporn, es beim nächsten Mal wieder zu versuchen, sondern auch ein Zeichen, daß wir auf einen guten Weg sind. Deshalb rufe ich Euch zu: „Weiter so! Laßt uns nicht aufgeben! Wir werden das Diktat der Parteien durchbrechen!“

Ich danke Euch.

Beaune Les Montrevenots Pinot Noir 2005

Der Wein trägt ein purpurrotes Kleid. Die Farbtiefe ist gut ausgeprägt und gibt nur einem knappen etwas helleren Rand Platz. Die erste Nase ist stark von einer Himbeernote geprägt. Die zweite ist sogar eher weniger intensiv. Hier kommt eine leichte Würze hinzu. Die Viskosität ist gut ausgeprägt.

Im Gegensatz zu den langen Kirchenfenstern wirkt der Wein auf der Zunge relativ dünn. Frucht und seidene Tannine sind die einprägenden Komponenten. In seiner ruhigen Art besitzt der Wein eine gewisse Noblesse, aber besondere Merkmale suche ich auch im allenfalls ordentlich langen Nachhall vergeblich. Ich kann nur hoffen, daß der Wein an der Luft noch gewinnt.

Dem ist leider nur bedingt so. Er wird zwar etwas würziger und kräftiger, was jedoch zulasten der zuvor vorhandenen Eleganz geht. 20 € für die Flasche sind auf jeden Fall viel zu viel. Ein enttäuschender Wein für enttäuschende Wahlabende.

Herkunft: Frankreich – Burgund – Beaune
Jahrgang: 2005
Rebsorte: Pinot Noir
Erzeuger: Domaine Germain Père et Fils
Ausbau: AOC 1er Cru
Alkohol: 13%

Bundestagswahl 2009 – die 9.

Das Projekt Bundestagswahl konnte ich in den letzten Tagen leider nicht mehr so forcieren, wie ich es mir gewünscht hätte. Der Berlin-Marathon und andere Aufgaben haben mich doch in Beschlag genommen, so dass mir leider die Zeit gefehlt hat, die Lage der Nation zu erörtern. Hinzu kam natürlich, daß mir unsere Politiker keine Steilvorlagen gegeben haben, die ich routiniert verwandeln konnte.

Dies soll mich selbstverständlich nicht daran erinnern, mich ab morgen 18:00 im Katzenjammer zu ergehen allen anderen Wählern außer mir wüste Krankheiten zu wünschen und die Politiker für ihre Engstirnigkeit und Dummheit zu beleidigen. Die vorigen Artikel mögen für dieses Vorhaben als Fingerübung betrachtet werden.

Da ich mir schon länger sicher bin, wie ich meine Stimme verschenke, möchte ich die immer noch Unentschlossenen noch einmal auf zwei Services aufmerksam machen. Neben dem bekannten Wahl-O-Mat (bei dem die CDU sich bei der Frage nach kostenlosem Erststudium tatsächlich auf einer neutralen Position eingestuft hat) auch den Abgeordnetencheck, für diejenigen, die noch keinen persönlichen Kontakt mit den Kandidaten ihres Wahlkreises hatten.

Die offizielle Wahlempfehlung von KeinAlkoholistauchkeineLoesung.de lautet: Morgen zwischen 8 und 18 Uhr das nächstgelegene Wahllokal aufsuchen, einen Stimmzettel abholen, ein Kreuz in der linken Spalte machen und ein Kreuz in der rechten Spalte machen. Dabei nach Möglichkeit nicht die rechten Parteien und ihre Kandidaten wählen. Vom ursprünglichen Plan den Vorwähler zu fragen, wo er sein Kreuz in der rechten Spalte gemacht hat, und das eigene eine Zeile tiefer zu machen, sehe ich keineswegs ab, aber da die täglichen Leserzahlen noch immer nicht die 10-Mio-Marke geknackt haben,beurteile ich die realistische Erfolgschance dieses Vorhabens mittlerweile etwas kritischer.

Piepsorter Michelsberg Riesling 2008

Der Wein ist strohgelb. Anfangs duftet er recht verhalten leicht floral. Nach dem Schwenken kommen erdige Noten und ein leichter Graipefruitton hinzu.

Am Gaumen ist der Wein ziemlich unauffällig. Die Säure ist präsent und noch das Auffälligste aber zugleich nicht negativ aufdringlich. Eine leichte Würze leitet in den Nachhall über, der eine ordentliche Länge besitzt.

Das ist ein sehr solider Wein, ohne irgendwelche Schwächen, aber auch ohne erkennbare Stärken.Er schafft es, eine gewisse Gebietstypizität zu transportieren. Zum Flammkuchen.

Herkunft: Deutschland – Mosel – Piepsorter Michelsberg
Jahrgang: 2008
Rebsorte: Riesling
Erzeuger: St. Michael Weinkellerei
Ausbau: QbA trocken
Alkohol: 11,5 %

Die Nacht der guten Weine

Bei der Nacht der guten Weine denkt wahrscheinlich jeder diesen bescheuerten Titel habe ich mir einfallen lassen. Weit gefehlt! Es handelt sich um eine Aktion des deutschen Weinfachhandels in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Weininstitut. In ganz Deutschland nahmen Weinhändler an der Aktion teil und veranstalteten Events, um mehr Freunde des Alkohols für den Wein zu gewinnen. In Hamburg z.B. die Weinlounge Hamburg in Hoheluft die Cocktails mit Schaumwein kombinierte. Ich entschied mich dann doch für eine klassische Weinverkostung bei Pinot Gris am Winterhuder Marktplatz.
Unter fachkundiger und enthusiastischer Leitung verkosteten wir eine ganze Reihe von Weinen, bei denen es kaum Ausfälle gab. Auch wenn sich die Probenleitung leider bevor ich kam von 50 auf 20 zu verkostende Weine herunterhandeln ließ, wurden es mit 26, zu denen ich mir Notizen gemacht habe, dann doch so viele, daß ich mich auf die Highlights beschränken möchte. Wenn ich diesmal Punkte am meine Verkostungsnotizen schreibe, so besitzen diese aufgrund der Flüchtigkeit des Eindrucks natürlich eine noch geringere Aussagekraft als meine sonst nicht veröffentlichten, aber da ich sonst den Wein ausführlicher studieren und beschreiben kann, möchte ich die Punkte als zusätzliches Merkmal hier mitaufnehmen.

Riesling Kabinett trocken 2008, Clemens Busch, Mosel
Schöner sehr trockener Wein mit typischen Graipefruitnoten und knackiger Säure

Trebbiano d’Abruzzo DOC 2008 , Az. Agricola Jasci, Italien – Abruzzen
sehr trocken mit interessanter fruchtiger Aromatik, hervorragender Alltagswein

Riesling Großes Gewächs 2008, Clemens Busch, Mosel – Pündericher Marienburg
N: recht dezent, erdig, Intensität nimmt mit Luft zu, Graipefruit
M: schöne Dichte, sehr würzig, harmonisch
88+ CP

Riesling Großes Gewächs 2008, Clemens Busch, Mosel – Pündericher Marienburg Rothenpfad
N: Zitrusnoten, Graipefruit, würzig
M: recht dicht, erdig, mineralisch
90 CP

Riesling Großes Gewächs 2008, Wittmann, Rheinhessen – Westhofener Morstein
N: Schwer zu durchdringen noch sehr verschlossen
M: dicht, harmonisch, würzig
90 CP (ich kann mich dem Hype um den Wein momentan noch nicht anschließen, dazu ist er einfach viel zu verschlossen, die 90 sind schon mit viel Zukunftspotential versehen)

Riesling Großes Gewächs 2008, Wittmann, Rheinhessen – Westhofener Aulerde
N: Pfirsich, Tabak, würzig
M: Fein, dicht, elegant
93 CP (der trockene Wein des Abends, darin möchte ich wirklich baden)

Montepulciano d’Abruzzo DOC „Poema“ 2002, Az. Agricola Jasci, Italien – Abruzzen
N: erdig, Pfeffer
M: dicht, kräftig, rund
87 CP

L’Angelet Crianza 2005, Bodegas Palmera, Spanien – Utiel-Requena
N: recht dezent, floral, Basilikum
M: sehr dicht, würzig, Schokolade
87 CP

L‘ Angelet d’Or 2000, Bodegas Palmera, Spanien – Utiel-Requena
N: Malz, würzig
M: extreme Dichte, sehr kräftig, würzig, harmonisch, gute Länge
90 CP

Riesling Auslese *** 2001, Clemens Busch, Mosel
N: Bortrytis
M: sehr dicht, fruchtig, sehr rund, lang
89 CP

Riesling Auslese 2001, Heyl zu Heinsheim, Rheinhessen
N: sehr fruchtig, Honig
M: filigran, fruchtig, dicht
91 CP

Riesling Beerenauslese (Nr. 2) 1999, Clemens Busch, Mosel – Pündericher Marienburg
N: Honig, Wachs, blumig, Bortrytis
M: sehr elegant, fruchtig, dicht, filigran
93 CP

An den hier beschriebenen Weinen läßt sich schon sehr gut erkennen, daß uns auch echte Raritäten ausgeschenkt wurden, was nicht unbedingt selbstverständlich ist.
Der Andrang auf die Verkostung war nur mäßig. Vielleicht kann sich der Fachverband noch einmal überlegen, wie er die Nacht der guten Weine zu einer Institution machen kann, um einer breiteren Öffentlichkeit die Qualität des im Fachhandel verkauften Weins näher zu bringen, denn dieser schöne Event hatte doch eher den Charakter eines Kundenbindungsprogramms, da nahezu alle zu den Stammkunden gehörten (mich wechsel- und sprunghaften Menschen einmal ausgenommen).

Maranges Clos des Rois Pinot Noir 2004

Der Wein hat eine ziegelrote Farbe. Die Farbtiefe ist mäßig ausgeprägt. In der ersten Nase ist die Intensität mäßig und das Bukett noch undurchdringlich. Die zweite Nase nimmt deutlich an Intensität zu. Fruchtige Waldbeeren treten jetzt gemeinsam mit leichten Lakritznoten auf. Die Viskosität ist gut ausgeprägt.

Das ist schon eine andere Stufe Pinot Noir. Ich zäume das Pferd mal von hinten auf. Der Nachhall besitzt eine sehr gute Länge und mineralische Anklänge. Zuvor kommt ein relativ dichter Wein durch meinen Mund, der mit Frucht und Rasse überzeugt, bevor er in einen kräftigen Abgang mit präsenten Tanninen übergeht.

Das ist jetzt ein Wein für einen Festbraten. Ein eleganter und harmonischer Typ, der aber auch genug Muskeln besitzt, um sowohl alleine zu stehen, als auch zu einem kräftigen Fleischgericht zu passen.

Herkunft: Frankreich – Burgund – Maranges
Jahrgang: 2004
Rebsorte: Pinot Noir
Erzeuger: Domaine du Chateau de Melin
Ausbau: AOC 1er Cru
Alkohol: 13%

Berlin-Marathon Teil 2 und Schluß

Hier machten die Zuschauer den Veranstalter einen Strich durch die Rechnung und verengten die Fahrbahn. Dies bot Tour de France Stimmung in zweierlei Hinsicht. Erstens bot der enge Kontakt mit frenetisch feiernden Zuschauern einfach eine Gänsehautatmosphäre. Zweitens wurde das Läuferfeld so verdichtet, daß man aufpassen mußte, dem Vordermann oder der Vorderfrau nicht in die Hacken zu laufen.
Eigentlich bereits seit km 2 war das Wetter der Gegner der Läufer. Ich kann mich nicht entsinnen bei einem Marathon schon so früh mit dem Schwitzen begonnen zu haben. Die offiziellen Temperaturen waren wahrscheinlich gar nicht so hoch, aber die Sonne knallte ziemlich gnadenlos auf uns herunter und man konnte ihr natürlich nicht 42 km lang ausweichen. Viel Trinken war also angesagt. Sonst nehme ich auf den ersten 20km gerne nur 2 Versorgungsstellen wahr. Hier nutzte ich zumindest alle 5 km einen Versorgungsstand. Berlin zeichnet sich dadurch aus, daß ab km 10 alle 2-3 km ein Versorgungsstand am Streckenrand steht.
Die nächste Abzweigung führte uns in Richtung km 15 und zum Kottbusser Tor. Ich bin ja überzeugt, daß wenn Alfred Döblin heute Berlin Alexanderplatz schreiben würde es Berlin Kottbusser Tor heißen würde. Die Trostlosigkeit dieser Gegend im Herzen des pulsierenden Kreuzbergs hat etwas sehr Trauriges und zugleich schaurig Faszinierendes. Zwei der Dreimal, die ich jemand am hellichten Tag gesehen habe, der sich auf offener Straße einen Schuß setzt, was für mich mit das abstoßenste und zugleich verzweifelste Bild menschlichen Daseins aufzeigt, kamen in dieser Gegend vor. Und doch hier in Kreuzberg kriegt man die besten Döner Deutschlands.
Bei km 15 stand eine 1:10:46 als Bruttozeit auf der offiziellen Uhr. Meine Rechenkünste hatten offensichtlich schon einen leichten Sonnenstich abbekommen, denn ich ging davon aus, auf eine 3:20 zuzulaufen. Als ich nun auf dem Kottbusser Damm den im Schottenkostüm verkleideten Zug- und Bremsläufer für 3:15 passierte, wollte ich ihm schon zurufen, daß das mit 3:15 nichts wird, aber ich konnte meine Häme dann doch zurückhalten, wahrscheinlich weil die mathematische Region meines Gehirns doch einen sachten und nur unterbewußt vernehmbaren „das stimmt nicht“-Impuls sendete.
Am Hermannsplatz konnte ich endlich erkennen, wofür eigentlich die MLPD steht, die entlang der Strecke viele Plakate plaziert hatte. Es ist nicht, wie von mir spekuliert, die Nachfolgepartei der APPD, der anarchistischen Pogo Partei Deutschland, sondern die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands, die damit wirbt Kapitalismuskritik im Original zu liefern. Es mußte ja einen Grund geben, wieso die Partei bei mir im Wahl-O-Mat durchgefallen war. Am Hermannsplatz bogen wir ab auf einen klaren Westkurs in die Hasenheide, der sich über fast drei km in die Gneisenaustraße fortsetzte. Hier überkam mich wieder etwas wie die reine Freude am Laufen. Es war einer dieser Momente, in denen man mit sich selbst und dem Lauf an sich zufrieden ist und ihn einfach nur genießt. So ging es durch die Yorckstraße in brutto 1:33:12 an km 20 vorbei. Damit war ich, was mir zu dem Zeitpunkt nicht bewußt war, die zweiten 10km in exakt 45:00min gelaufen und damit viel zu schnell, was mir schon allein deshalb eher präsent war, da meine Muskeln doch sich das erste Mal, wenn auch noch auf harmlose Art und Weise bemerkbar machten.
Jeder Läufer hat ja eine unterschiedliche Antwort darauf welcher Punkt in einem Marathon besonders kritisch ist. Meistens kann man sich auf die Strecke nach km 30 oder 35 als Größtem Gemeinsamen Nenner einigen, und sicher ist jeder Lauf anders. Ich stelle immer wieder, gerade in Berlin, fest, wie wichtig die km 20-25 sind. Der Läufer ist in einen gewissen Trott geraten, kommt mit seinem Tempo noch relativ gut klar und gerät in Gefahre es sich gemütlich zu machen, was angesichts der tollen Stimmung an Potsdamer- und Grunewaldstraße eigentlich verwunderlich ist. Aber gerade hier gerät der Läufer in Versuchung das Tempo zu verschleppen, so daß dies in der Vergangenheit für mich ein Punkt war, an dem ich mich aus Gruppen gelöst habe und versuchte das Tempo zu forcieren und gleichzeitig Probleme hatte, es überhaupt zu halten. Die Strecke führt in diesem Abschnitt durch die Martin-Luther-Straße am Rathaus Schöneberg vorbei streng nach Süden in die Hauptstraße, ein Straßenname, der mich in einer Stadt wie Berlin jedesmal schmunzeln läßt. Leider drosselte ich mein Tempo nur unmerklich und passierte die 25km-Marke in brutto 1:55:54, was 22:42 für die letzten 5km bedeutete.
Kurz darauf wieder auf Westkurs Schöneberg verlassend und nach Dahlem einlaufend, traf ich auf Till Teuber aus Hamburg, der für die Lebensfitness e.V. lief und wir liefen für 1,5 km zusammen. Er erzählte mir, daß es bei ihm jetzt schon der 19. Berlin-Marathon war, er ebenso untrainiert war wie ich, sich ähnlich wie ich deshalb an den 3:30 orientierte und ebenso eigentlich zu schnell lief, aber es gleichfalls nicht tragisch fand. Er hatte mitbekommen, daß Haile wohl 30 Sekunden unter Weltrekordkurs lag, und wir konnten spekulieren, ob er jetzt schon im Ziel war. Wieder alleine lief ich durch die Lentzeallee. Früher, als das Ziel noch in der Tauentzienstraße lag, war dieser Streckenabschnitt den Läufern geradezu verhaßt. Damals kam man hier auf die magischen 35km zu durch die ganz leicht aber doch bemerkbar ansteigende Lentzeallee, die sich endlos lang bis zum Wilden Eber hinzieht. Die Zuschauer wußten das, und so wie der Anstieg verhaßt, war der Wilde Eber bei den Läufern beliebt, hatte man hier doch das Ende des Anstiegs erreicht, und traf auf eine Masse an Zuschauern die eine bombastische Stimmung verbreiteten. Heute passiert man km 28 und der an und für sich harmlose Anstieg ist immer noch eine Qual. Geblieben sind auch, und das ist den Einwohnern Dahlems hoch anzurechnen, die Zuschauermassen. Am wilden Eber ist eine Bühne für eine ausdauernde Tanzgruppe aufgebaut, die hier zu heißen Sambaklängen eine Wahnsinnsstimmung macht. Durch die Rheinbabenallee ging es jetzt Richtung Nordwest und am Hohenzollerndamm hatten wir den westlichsten Punkt der Strecke erreicht. Jetzt ging es den langen Hohenzollerndamm entlang bis zum Fehrbelliner Platz bei km 32. Km 30 erreichte ich nach brutto 2:18:21, womit ich zwischen km 25 und 30 exakt eine Sekunde langsamer lief als zwischen km 15 und 20. Die km-Zeiten pendelten sich auf 2 Sekunden genau um 4:30 min ein, trotz des Anstiegs der Lentzeallee.
Die Strecke am Hohenzollerndamm ist mit die langweiligste des gesamten Marathons. Vorbei an westdeutschen Plattenbauten, Bürogebäuden und so gut wie keinem Publikum läuft man nach Nordost bis es am Fehrbelliner Platz durch die Brandenburgische Straße in die Konstanzer Straße geht. Mir wurde klar, daß ich meinen Psychotrick von langen Trainingsläufen noch gar nicht angewandt hatte. Dort rede ich bei km-Marken vor mich hin „Nur noch 10 km“, auch wenn es noch weit mehr als 10 km sind, und auch wenn es schon längst keine 10 km mehr sind. Jetzt waren es weniger als 10 km, so daß ich auf diesen Trick nicht mehr bauen konnte. Das Erreichen des 33-km-Schilds versetzte mich dennoch irgendwie in Hochstimmung, war ich doch immer noch gut auf den Beinen. Das mich hier in der Konstanzer Straße vor der freundlichen Cornelia Apotheke meine Familie und deren Bekannte feierten verstärkte dieses Hochgefühl noch. Da ich mich recht gut fühlte, und die Zeit ja auch wirklich keine Rolle spielte, erlaubte ich mir hier auch einige Späßchen mit meinen Lieblingszuschauern. Ich konnte meiner Tante ansehen, daß sie das neunte Jahr in Folge die Aufputschmittel vergessen hatte. Da ich mich ohnehin noch gut fühlte, entschied ich mich dazu, einfach weiter zu laufen und sie nicht nach irgendwelchen Mittelchen kramen zu lassen. O.K., eigentlich sollte ich über dieses Thema keine Witze machen, aber seit wann besitze ich guten Geschmack?
Ziemlich genau ab hier nahm die Kulisse wieder zu. Als ich kurz darauf auf den Kudamm einbog, war es wieder phantastisch, wie viele Menschen hier an der Kurve und entlang beider Seiten des Kudamms standen. Das war Athmossphäre pur. Km 34 und 35 wurden mit 4:22min und 4:23min dann auch die schnellsten km meines Laufs.
Das was jetzt kommt möchte ich unter ein Zitat aus dem Film „Spiel auf Zeit“ mit Nicholas Cage stellen. Die Schlüsselszene, in der Box-Champion auf Kommando zu Boden geht, um von einem gleichzeitig stattfindenden  Attentat abzulenken, wird durch das Kommando „Jetzt kommt der Schmerz“ eingeleitet.
Jeder Läufer kennt die Geschichten vom Mann mit dem Hammer, entgegnet routiniert, daß das ja stimme, aber das Training von langen Läufen ja das A und O sei und blablabla. Ich hatte in meiner knapp bemessenen Vorbereitung nur einen Lauf über 35km. Und jetzt kam, pünktlich wie die Maurer, der Mann mit dem Hammer. Er drosch auf mich ein und schrie mir mit einer widerwärtig lachenden Visage ins Gesicht: „Jetzt kommt der Schmerz.“ Die noch ausstehende Strecke könnte ich also mit einer permanenten Wiederholung des Worts Auuu beschreiben, doch dies würde nicht ganz stimmen, denn es waren nicht die Muskeln die schmerzten, sondern die allgemeine Erschöpfung. Wenn also einer der Leser einen passenden Ausdruck für Röcheln kennt, können wir an dieser Stelle den Bericht damit gerne an dieser Stelle zu Ende führen.
Hier am alten Ziel beim Wittenbergplatz traf ich auf einen Läufer mit Shirt-Aufdruck „Projekt 2:99 – Hauptsache unter 3“. Ich munterte ihn auf, und beruhigte ihn, daß er sein Projektziel locker erreichen wird. Bis km 38 konnte ich mich noch ein wenig mit den Bands am Straßenrand ablenken. Ihnen Dank und Applaus zu spenden, gab auch mir noch einmal einen kleinen Auftrieb. Getränkestände dagegen hatten schon länger einen zweischneidigen Charakter. Natürlich brauchte man das Wasser, wegen des Wetters zur Abkühlung und zum Ausgleich des Flüssigkeitsverlusts, doch direkt nach dem Trinken lag die Flüssigkeit zunächst schwer im Magen.
Ab km 38 half dann nichts mehr. Die Verlockung stehen zu bleiben, eine kurze Strecke nur zu gehen, wurde immer größer, und ich nahm von der Umgebung eigentlich nichts mehr war. Von dem Anlauf zum Potsdamer Platz habe ich nur noch einen kurzen Blick auf das Sony-Center im Gedächtnis. Daß ich an der neuen Nationalgalerie und an der Philarmonie vorbeilief, war mir sicher irgendwie klar. Hätte man mich hier nach dem Weg dahin gefragt, hätte ich wohl noch in eine Richtung zeigen können, gleichwohl habe ich diese Gebäude, wie all die anderen besonderen Gebäude von Mitte, an denen ich jetzt vorbeilaufen sollte nicht wahrgenommen. Es war kein Tunnelblick, es war keine Trance, in der ich mich balancierte, es war einfach nur ein permanentes Fallen in den nächsten Schritt, das mich weiter voran trieb. Gefühlt stand ich. Hätte man mich gefragt, hätte ich vermutet eine 5:30min zu laufen. Tatsächlich war es nur unwesentlich langsamer als zuvor. Zwischen km 35 und 40 benötigte ich 23:03min also 45 Sekunden mehr als auf den 5 km zuvor. Dies war der drittlangsamste 5km-Abschnitt des Laufs. Damit hatte ich alle 5km-Abschnitte zwischen 22:18min und 23:22min durchgezogen. Km 40 gab mir noch mal einen leichten Push. Wie bei jeder Marke seit km 36 versuchte ich mich an meine Heimstrecke zu erinnern und wie lächerlich das war, was jetzt noch kommt, und daß ich ja schon längst auf dem Rückweg der Standard 16km-Strecke war. Dazu begleiteten mich wie meistens Musikstücke, obwohl ich keinen I-Pod dabei hatte. Besonders angetan hatte es den musikalischen Regionen meines Gehirns gerade auch in dieser kritischen Phase Udo Lindenbergs schöner Song „denn ich mach mein Ding“ (ich tu, als ob ich sing).
Wie gesagt an Gebäude kann ich mich nicht erinnern, nur an eine kurze Kopfsteinpflasterpassage in der Oberwallstraße.
Das Erreichen von Unter den Linden war so etwas wie ein vorgezogenes Finish. Ja, jeder Meter auf dieser sich furchtbar lang hinziehenden Straße tat noch weh, aber irgendwie hatte sich doch die Gewißheit durchgesetzt, daß ich das jetzt durchziehe und mich von nichts mehr abbringen lasse. Der Anblick des Brandenburger Tors wird für mich immer etwas Magisches besitzen, und so entsinne ich mich doch an ein Bauwerk auf diesen letzen Metern, dessen Durchquerung ich fast so sehr ersehnte wie Millionen anderer Deutsche 20 Jahre zuvor.
Es ist noch immer so, daß mich beim Durchlaufen des Brandenburger Tors nicht der Stolz über die eigene Leistung bewegt, sondern die Freude hier überhaupt durchlaufen zu können. Es gibt einfach kein würdigeres Ziel für den Berlin-Marathon. Das Brandenburger Tor setzt einfach Emotionen frei.
Aus einem für mich unerfindlichen Grund freute es mich besonders diesmal das Tor in der Mitte quasi durch die Hauptöffnung zu durchqueren. Hinter dem Brandenburger Tor warteten noch ein paar letzte Meter und eine grandiose Stimmung der begeistert anfeuernden Zuschauer auf uns Läufer.
Direkt unter dem 42km-Schild sah ich dann einen tragisch Gescheiterten, der von Sanitätern auf eine Trage bewegt werden sollte. Aus seinem Gesicht sprach noch der Wille die letzten 195 Meter zu schaffen, doch sein Körper sprach eine andere Sprache. Der wollte partout nicht mehr. Ich möchte nicht wissen, wie viel andere, insbesondere bei den langsameren Läufern, den hohen Temperaturen Tribut zollen mußten, doch so kurz vor dem Ziel ist es natürlich besonders bitter. Ich habe ja zwei Vereinskameraden, die für Krämpfe, Zerrungen, etc. auf den letzen Metern berühmt berüchtigt sind, gerade auch dann wenn Sub3 eigentlich schon im Trockenen war, doch ein so bitteres Scheitern ist ihnen zumindest erspart geblieben. Sie konnten sich immer noch ins Ziel schleppen.

Nach einem so traurigen Ende, kann ich dennoch ein positives Fazit ziehen. Mein Fuß hat gehalten! Ich habe keine Schmerzen in den Bändern verspürt. Nach dieser Maximalbelastung kann ich das Thema Bänderanriß damit wohl ad acta legen. Außerdem kann ich den Lauf durchaus als erfolgreiche Generalprobe für zukünftige Angriffe auf bessere Zeiten ansehen. Denn ich habe mein Ding durchgezogen und bin durchgelaufen, trotz der großen Verlockung gerade bei einem Lauf, bei dem es um nichts ging, der Bequemlichkeit nachzugeben. Die Zeit ist selbstverständlich nebensächlich. Sie dürfte aber das Maximum des an diesem Tag Möglichen sein. Ein besonderes Lob möchte ich meinen Beinen spenden, die vom 1. Km an intuitiv ahnten, was mein Körper tatsächlich drauf hatte, obwohl mein Kopf ihm eine solche Zeit verbieten wollte. Ein bißchen Anarchie im eigenen Körper paßt auch gut zu Berlin. Ich freue mich auf jeden Fall auf nächstes Jahr. Der Berlin-Marathon bleibt einfach das Maß der Dinge.