U-Bahn fahren in Berlin

Mich irritieren die rosa lackierten Finger
in Kombination mit seinem Hipsterbart
Ist er vom Typ Baumfäller-hart
oder war er im Varietee Ginger

Ein Abteil weiter sagen Frisur und Körper sehr klar er
Mimik und Gestik sind von einer sie
Die Daunenjacke verdeckt sehr
Für die Lösung braucht es wohl ein Genie

Was für ein verrückter Wagon
in normaler Berliner Tradition
und zugleich ein Beleg seiner Zeit

In der Stadt feiert jeder seine Eigenheit
Etwas irritierend bleibt der Zug trotzdem schon
doch am meisten überrascht seine Pünktlichkeit

Neue Ordnung in den Ordnern

Wir ordnen unser Leben
und ich werd depressiv
nicht wegen dem wie es verlief
ich hasse Ordnungsstreben

Die wohl geordneten Ablagen
kosten mich viel mehr Lebenszeit
als die Suche nach der Begebenheit
Ich wünscht ich könnt einfach absagen

Mein Gegenüber kennt kein Erbarmen
Mein Leben wird mir entrissen
Ich geb zu, ich tu es nicht vermissen
Doch ich ahne schon neue Dramen

Wenn ich bald etwas nicht ablege
oder gar an der falschen Stelle
kommt der Ärger wohl schnelle
wenn es der Ordnung liegt im Wege

Chaos bedeutet für mich Freiheit
Keine Zwänge die dich reguliern
und nach Deiner Zeit im voraus giern
für eine unwahrscheinliche Gelegenheit

Der zweite Tag

Warum redet jeder nur vom Ersten
und vielleicht noch vom Letzten
Warum tut man den Zweiten so versetzen
Der ärgert sich doch bis zum Bersten

Dabei kann der Zweite härter sein
Manches Ziel hat er aufgefressen
weil der dann Ziellose es schnell hat vergessen
So macht der Zweite den Menschen wieder klein

Das ist die Rache des Zweiten:
Vom ersten Erfolg lässt man sich ablenken
hört schnell auf ans Ziel zu denken
und lässt sich zur Bequemlichkeit verleiten

Darum redet über den Zweiten
und vergesst auch nicht den Dritten
Schickt dem Vierten ebenfalls Bitten
und tut beim Fünften weiterstreiten

Freu dich

ich sag, freu dich
und du fragst worauf
ich sag, freu dich
und du fragst weshalb
Freu dich ohne Zusatz
Freu dich ohne Ziel
Freu dich auf jetzt

ich sag, freu dich
und du fragst worauf
ich sag, freu dich
und du fragst weshalb
Freu dich am Leben zu sein
Freu dich gesund zu sein
Freu dich an Dir

ich sag, freu dich
und du fragst worauf
ich sag, freu dich
und du fragst weshalb
Freu dich ohne Geld
Freu dich ohne Haus
Freu dich einfach so

ich sag, freu dich
und du fragst worauf
ich sag, freu dich
und du fragst weshalb
Freu dich ohne Grund
Freu dich ohne Tat
Freu dich direkt hier

ich sag, freu dich
und du fragst worauf
ich sag, freu dich
und du fragst weshalb
Freu dich an den Farben
Freu dich an den Düften
Freu dich an der Welt

ich sag, freu dich
und du fragst worauf
ich sag, freu dich
und du fragst weshalb
Freu dich, weil’s besser ist
Freu dich, weil Du’s willst
Freu dich

Wie gestern

Wir machen die gleichen Fehler wie gestern
Wir schimpfen, jammern und lästern
Wir malen mit dunklen Farben
und pflegen unsere Narben
bedauern, was nicht geschehen ist
und machen unser Leben trist

Wir machen die gleichen Fehler wie gestern
Wir schimpfen, jammern und lästern
verbringen zu viel Zeit
in der Vergangenheit
und sind voller Sorgen
vor dem fernen Morgen

Wir machen die gleichen Fehler wie gestern
Wir schimpfen, jammern und lästern
Die Fehler unserer Nächsten
geben wir gerne zum Besten
Sie verdienen unsre Liebe und Respekt
doch wir kritisieren ihren Defekt

Wir machen die gleichen Fehler wie gestern
Wir schimpfen, jammern und lästern
machen uns zu viel Gedanken
und setzen uns selber Schranken
die den Weg ins Paradies versperrn
dabei ist es gar nicht fern

Wir machen die gleichen Fehler wie gestern
Wir schimpfen, jammern und lästern
Mit Unterhaltung tun wir uns benebeln
und merken nicht, wie wir uns knebeln
indem wir uns in Watte pampern
tun wir unsere Zeit verplempern

Wir machen die gleichen Fehler wie gestern
Wir schimpfen, jammern und lästern
laufen immer weiter im Kreis
und zahlen einen hohen Preis
Unbemerkt kreieren wir uns Leid
denn wir zahlen mit unserer Zeit

Süchtig

Obwohl in Sehnsucht
auch die Sucht steckt
gilt sie nicht als verrucht
und hat nirgends angeeckt

So unschuldig wie sie tut
ist sie beileibe nicht
Sie verleiht verrückten Mut
und vernebelt die Sicht

Es entstehn Obsessionen
Der Traum wird verklärt
Sehnsucht tut sich nicht lohnen
wenn man sich nach ihr verzehrt

Ein Trugbild das belügt
das die Sehnsucht steigert
das selten der Realität genügt
Stark wer sich der Sehnsucht verweigert

Titel sind was für Guttenberg

Manch einer tut für Zitate leben
und sie ständig zum Besten geben
Statt solcher Lieblingssätze
sprechen andre über Lieblingsplätze
Sie benennen die Vorzüge eines Orts
selten mithilfe eines einzelnen Worts
Stundenlang tun sie drüber schwafeln
im Aufzug und an gedeckten Tafeln
Man wünscht sie genau an diesen Ort
dann wärn sie schließlich fort
Thilo träumt von den USA
und war schon sechsmal da
Von New Yorks langen Straßenschluchten
übern Grand Canyon zu Friscos Buchten
erzählt er in einer Tour
die schnell wird zur Tortur
Meike tanzt gern auf Ibiza
dort sein die Jungs spitzer
Der langweilige weiße Sand
rieselt virtuell durch ihre Hand
erzählt sie von ihren Abenteuern
die immer auf das Gleiche zusteuern
Hajo ist immer im Hier und Jetzt
was all die Reisenden entsetzt
Seine Präsenz ist schwer zu ertragen
Mein Lieblingsplatz ist an der Bar
wo ich gestern schon war

Umsetzungsstärke

Was nützt dir deine Weisheit
wenn du nicht nach ihr lebst
Wenn du kaum nach ihr strebst
wirst du sie schnell wieder leid

Da du in deinem Stigma lebst
Verhinderst du dass du schwebst
Der Verzicht auf internen Streit
kostet dich vor allem Zeit

Zeit, authentisch zu sein
So fühlst du dich unrein
und auch unzufrieden

Du wahrst lieber den Schein
und hast dich leider entschieden
und den Konflikt mit dir gemieden

Mangelnde Kreativität

Mangelnde Kreativität
erkennt man meist zu spät
Das Abschweifen ins Banale
in immer größerer Zahle
ist vielleicht ein Zeichen
das neue Ideen blöden weichen
Immer häufiger kommt Müdigkeit
und bleibt für längere Zeit
Es bleibt Lahmes mit Sex zu würzen
und sich kopfüber in den Text zu stürzen
Und wem das zu peinlich ist
dem setzt der Verlag eine Frist

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Zeit

Zeiten ändern sich nicht
Auch morgen schlägt’s um Zwölf Mittag
Heute in vier Jahren geht die Sonne zur gleichen Zeit auf
und heute in 104 Jahren zur gleichen Zeit unter
Zeit bleibt das was sie ist

Zeit kann mich nicht ändern
Mich ändern Erlebnisse
Mich ändern Erkenntnisse
Mich ändert mein Wille
aber nicht die Zeit

Ich kann Zeit nicht ändern
Sie bewegt sich auch ohne mich
Sie lässt sich von mir nicht anhalten
Sie lässt sich von mir auch nicht beschleunigen
denn sie existiert unabhänig von mir

Zeit ist auf niemands Seite
Wer glaubt sie spiele ihm zu
Wer glaubt das sei seine Zeit
Wer glaubt er könne mit ihr spielen
dem geht sie doch irgendwann aus

Zeiten ändern sich nicht
denn ist Zeit eine Dimension
so ist jeder denkbare Moment
nur ein scheinbar willkürlicher Moment
aus dem Möglichkeitsfeld der konstanten Skala Zeit