Nahe-Reise (3): Der Weg ist das Ziel

Strahlender Sonnenschein erwartete mich am nächsten Tag. Ich beschloß das Angebot meines Hotels in Kooperation mit der dortigen Diakonie zu nutzen und ein Fahrrad zu mieten. Ich wollte eine Tour entlang der Nahe machen bis nach Monzingen, das zwar nicht an der Quelle der Nahe liegt, aber doch den qualitativen Weinbau an der Nahe doch mehr oder minder nach Westen hin abschließt. Dort wollte ich mir die Lage des Monzinger Halenbergs und das Weingut Emrich-Schönleber etwas genauer anschauen, die beide zu den jeweils angesehensten in Deutschland gehören und natürlich auch in einem gewissen Wechselspiel zueinander stehen.

Leider hatte die Diakonie vergessen, Fahrradschlösser mitzuliefer, so daß ich Anweisung hatte besonders aufzupassen, wenn ich das Fahrrad abstelle…

Da ich im Urlaub war, nahm ich mir fest vor von solchen kleinen Unbequemlichkeiten nicht die Laune vermiesen zu lassen und machte mich auf den Weg. Entlang der Südseite der Nahe ging es vorbei an Norheim und dessen nach Süden ausgerichteten Weinlagen Kirschheck, Dellchen und Kafels, wobei eine genaue Trennung der Lagen sich mit dem Auge nicht unbedingt identifizieren ließ. Bei Niederhausen haben die Winzer große Buchstabenschilder in die Weinberge gestellt, auf denen die Namen der Weinberge standen. Nichtweintrinker denken bei so einer Ansicht vielleicht an den Hollywood-Schriftzug, Weintrinker eher an die auf Trockenmauern aufgemalten Namen im Rhonetal, etwa am Hermitage, wobei es dort die Namen der Winzer sind, die im Weinberg von weitem her lesbar sind. Entsprechend große Trockenmauern sind an der Nahe jedoch eher selten zu finden, so daß es doch echter Buchstabenschilder bedurfte.

Kurz vor Niederhausen ist ein Sperrwerk in die Nahe gebaut, über dem man die Nahe an der Stelle überquert. Auf dem dahinter liegenden kleinen Stausee sind viele Wassersportler, insbesondere Ruderer aber auch Kajakfahrer unterwegs. Ich fuhr durch Niederhausen durch und an der berühmten Niederhäuser Hermannshöhle vorbei. Endlich mal eine Weinlage deren Name der Laie sofort nachvollziehen kann, befindet sich doch am Fuße des Weinbergs der Eingang in einen alten Stollen.

Ich fuhr am Abzweig zur Gutsverwaltung Niederhausen-Schloßböckelheim vorbei Richtung Oberhausen. Erneut überquerte ich die Nahe auf die Südseite. Diesmal nahm ich aber nicht irgendeinen Übergang sondern die Oberhäuser Brücke, über der sich Hermann Dönnhoffs gleichnamige Vorzeigelage befindet. Angesichts gerade dieser Brücke mußte ich auch hier nicht lange darübernachdenken, wie man dazu kam, diesen Namen für die Lage zu wählen.

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In Oberhausen kam ich endgültig vom Weg ab. Vorbei am Camping-Platz Oberhausens fuhr ich parallel zur Nahe auf einem kleinen Feldweg weiter, der sich wegen des teilweise noch feucht-nassen Wetters etwas morastig und unabhängig vom Wetter vor allem als stark ansteigend erwies. Weder war mein Rad technisch gut genug ausgestattet, um einen adäquaten ersten Gang bereitzustellen noch war ich konditionell gut genug in Schuß, um diesen Weg allzu lange zu fahren. Wer mich kennt, weiß das Aufgeben gleichwohl nicht in Frage kommt. Das Fahrrad und meine Form verfluchend, begann ich also das Rad zu schieben, da es ja nicht mehr allzu lange bergauf gehen konnte. Wer weiß, wie ich mich entschieden hätte, wenn ich gewußt hätte, daß ich den Weg erst zu einem Drittel bewältigt hatte.

Ich entdeckte wieder einmal, wie vergleichsweise einfach es ist, einen Berg hochzulaufen, wenn man als Alternative ein Fahrrad und wenig geeigneten Grund oder das Schieben des Fahrrads hat. Als ich nach zwei Drittel, wie sich später heraus stellen sollte, eine mittellange Pause einlegte, konnte ich einen wunderbaren Blick über die hier oben befindlichen Wiesen und die darüber springenden Rehe genießen ebenso wie auf Schoßböckelheim. Ich genoß den Blick natürlich insbesondere auch in der Gewißheit, daß ich diesen ohne meinen Schlenker nie hätte genießen werden können.

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Und ob man es glaubt oder nicht, hier oben – keineswegs in bester Ausrichtung – befanden sich auch Reben. In einer Parzelle wurden hier oben verschiedene Reberziehungssysteme ausprobiert, etwa das doch eher ungewöhnliche Pergolasystem, das ich bis dato noch nicht bewußt in einem echten Weingarten gesehen hatte.

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Auf dieser Höhe war die Sonneneinstrahlung direkter als weiter unten, so daß ich mich leichter anziehen konnte, und die Wege wieder trockener und zugegebenermaßen auch weniger steil wurden. Ich konnte mich also wieder aufs Rad setzen und weiter fahren, ließ es aber locker angehen. Zu schön war es hier oben. Keine Menschenseele weit und breit, keine Motorengeräusche; nur ein paar Vögel waren zu hören und Hasen zu sehen die erstaunlich furchtfrei in kurzer Distanz zu mir gelassen über den Weg hoppelten. Oben angelangt ließ ich es mir gefallen und machte mich ganz langsam mit vielen Unterbrechungspausen auf die Fahrt hinunter, um dieses Naturidyll zu genießen. Wie ich auf Schildern lesen konnte, findet hier auch eine kontrollierte Verwilderung eines einstmals intensiv landwirtschaftlich genutzten Gebiets statt.

So war ich einerseits etwas enttäuscht als ich von meinem schönen Weg zurück in die Zivilisation nach Durchroth kam, andererseits aber auch erleichtert wieder eine vernünftige Straße unter den Rädern zu haben, so daß ich wieder schneller voran kommen konnte. Dies wurde dadurch unterstützt, daß die Straße von Durchroth nach dem nächsten Ort Odernheim ganz schön abschüssig ist. Nach all dem mühsamen Strampeln machte es auf der kurvigen Straße viel Spaß, das Rad laufen zu lassen und unbeschwert die Geschwindigkeit zu genießen.

Kurz nach dem Ortseingang von Odernheim schaute ich mir kurz die Ortskarte an, um zu sehen, wie ich weiter in Richtung Monzigen fahren mußte. Sofort beim Wiederanfahren fiel mir auf, daß etwas ganz und gar nicht stimmte. Ich hatte einen handfesten Platten. Aufpumpen half auch nichts. Mir wurde ganz schön mulmig bei dem Gedanken, wo ich gerade wie herunter gefahren war. Ein Glück, daß der Reifen das gerade noch ausgehalten hatte, bevor er schlapp machte. Der nächste Bahnhof war 4km entfernt, und der nächste Bus ließ noch geraume Zeit auf sich warten, so daß ich mir ein Taxi rief und mit dem das Fahrrad zuück nach Ebernburg transportierte.

Dort angekommen, folgte ich tatsächlich dem Vorschlag, mich auf das zweite Fahrrad zu setzen und mich noch einmal auf den Weg zu machen. Der Tag war schließlich noch nicht allzu weit über die Mittagszeit hinaus geschritten. Wieder ging es gegen den stetig und unbarmherzig blasenden Westwind, der die Fahrt beschwerlich machte.

Vorbei an Norheim und Niederhausen nahm ich diesmal die richtige Abzweigung und fuhr gar nicht erst über die Nahe nach Oberhausen, sondern unter der Eisenbahn hindurch den steilen Hang auf der nördlichen Seite hoch. Im Gegensatz zur südlichen Seite war der Weg hier aber eine ordentliche, asphaltierte Landstraße, was das Schieben zu einer etwas weniger schmutzigen Angelegenheit machte.

Die Landstraße fuhr direkt an der ehemaligen Gutsverwaltung Niederhausen-Schloßböckelheim dem heutigen Gut Hermannsberg vorbei, und da der Tag nun schon weiter voran geschritten war und die Nachmittagsöffnungszeiten bereits erreicht waren, entschloß ich mich zu einem längeren Stopp und einer Weinprobe:

Riesling Niederhäuser Hermannsberg trocken 2007
N: blumig, Holunder, Muskat
M: lebendige Säure gut integriert, frisch, ordentliche Länge 87 CP

Riesling Schloßböckelheimer Kupfergrube trocken 2008
N: dichte reife Frucht, Aprikose
M: ordentliche Säure, leichter Schmelz 85 CP

Riesling Niederhäuser Hermannshöhle feinherb 2007
N: Botrytis, Steinobst, erdig
M: eher leichter Körper, ordentliche Frucht 83CP

Riesling Schloßböckelheimer Felsenberg feinherb 2006
N: Botrytis, Reifetöne
M: deutliche Frucht, ordentliche Dichte, leicht cremig, mineralische Andeutung 86 CP

Riesling Niederhäuser Hermannsberg trocken 2008
N: schwer zu durchdringen, erdig
M: aggressive Säure, ordentlicher Körper 80CP

Riesling Traiser Bastei Spätlese 2007
N: Steinobst, Mirabelle
M: feingliedrig, schöne Süße, kraftvolle Frucht 88CP

Riesling Niederhäuser Hermannsberg Auslese 2003
N: Botrytis, deutliche Reifenoten
M: opulente Süße, reife Frucht, dicht und doch filigran 87 CP

Riesling Niederhäuser Hermannshöhle Auslese 2002
N: Zitrone, würzig, Botrytis
M: fein, dicht, kräftige Frucht, Mineralität 90CP

Riesling Schloßböckelheimer Kupfergrube Auslese 2001
N: Rosinen, Pfirsich
M: dichte, feine Süße, leicht klebrig, opulent 90CP

Frisch gestärkt ging es zurück aufs Rad und jetzt auf der anderen Seite wieder den Hermannsberg hinunter. Die Gutsverwaltung ist für Ausflügler also durchaus ein lohnenswertes Ziel. Alleine die Position des Weinguts an der Spitze der Straße ist eine willkommene Belohnung nach dem Anstieg und falls man es weiß ein guter Anreiz auf dem Weg nach oben.

Der Westwind begleitete mich aber auch nach meiner Pause mit unfreundlicher Penetranz und machte das Strampeln auf offenen Feldern zu echter körperlicher Arbeit. Odernheim und die Möglichkeit einer von der eigenen Muskelkraft angetriebenen Draisinentour ließ ich rechts liegen. Mir reichte der Drahtesel, den ich nach Kräften trat völlig aus als Fortbewegungsmitte, zumal die Draisinentour in die falsche Richtung geführt hätte.

Bei Bad Sobernheim konnte ich den Barfußpfad bewundern, der ein relativ großes Areal ist, auf dem man ein Fußerlebnis der besonderen Art machen soll, in dem man über diverse Gerätschaften, speziell ausgelegte Pfade durch eine Furt die Nahe durchquert undundund… Da ich außerhalb der Saison da war, war der Pfad jedoch noch nicht in Betrieb, so daß sich z.B. nicht ohne weiteres erkennen konnte, wo sich die Furt befinden sollte. Daher konnte ich dieses für einen Läufer natürlich hochinteressante Fußerlebnis nicht mitmachen.

Bad Sobernheim bot auch eine gute Gelegenheit noch einmal im Kreis zu fahren. Der nächste Ort westlich von Bad Sobernheim ist schon Monzingen. Allerdings muß man als Radfahrer zuvor noch zweimal die Nahe überqueren, da die einzige direkte Straße von Bad Sobernheim nach Monzingen eine viel befahrene Bundestraße ist.

Eine Nahequerung später bekam ich kurz hinter Meddersheim den Monziger Halenberg in den Blick.

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Voller Erwartung fuhr ich nun nach Norden, überquerte die Nahe ein weiteres Mal und war in Monzingen. Hier mußte ich beim Weingut Emrich-Schönleber leider erfahren, daß man dort gerade keine Zeit für eine Verkostung hatte. Wäre mein Weg anders verlaufen, hätte ich sicher eine Stunde vorher angerufen und mich angemeldet, so war ich mir nicht ganz sicher inwieweit der Unwille für eine Verkostung auch am meinem Aufzug gelegen haben mag, aber ich nahm es nicht allzu schwer, sondern schaute mir kurz Monzingen an, aß eine Kleinigkeit, versuchte erfolglos einen weiteren Winzer zu erreichen, bevor ich mir die schwierige Frage stellte, ob ich wirklich den ganzen Weg zurück fahren wollte oder nicht doch lieber die Bahn nehmen sollte.

Ich entschied mich dafür den Westwind wenigstens teilweise auszunutzen und fuhr noch bis Odernheim und bestieg dort die Bahn, was den angenehmen Effekt hatte, daß ich zurück keine Anstiege zu bewältigen hatte. Beim Abendessen konnte ich mich dann über einen körperlich anstrengenden Tag freuen, der mich abseits des Plans mit schönen Erlebnissen versorgte.

Nahe-Reise (2): Rotenfels

Der zweite Tag war von einer Wanderung geprägt. Ich wanderte von meinem Hotel in Ebernburg nach Norheim. Hier nahm ich eine ausgiebige Besichtigung der Weinlagen Norheimer Kirschheck und Norheimer Dellchen vor. Ich sammle ja bereits seit Längerem Weine aus der Lage Kirschheck, um hier irgendwann eine Vertikalverkostung zu organisieren. Insofern war dies die willkommene Gelegenheit, die Lage zu erkunden. Auf eine ausgiebige Schilderung meiner Eindrücke verzichte ich hier und hole diese gerne zu einem späteren Zeitpunkt nach.

Stattdessen bin ich von dort nach Traisen und zum Traiser Rotenfels gewandert. Dazwischen liegt der Aussichtsort Bastei der mit einer kleinen Ballustrade vor dem Abgrund gesichert ist.

Der Blick von der Traiser Bastei ist einfach atemberaubend. Ich kam mir beinahe waghalsig vor, als ich die von Suzanna geliehene Kamera über die Brüstung hielt und quasi blind – schließlich wäre ich nie bescheuert genug, auch meinen Oberkörper über die Mauer zu halten – in die Tiefe zu fotografieren, um den Abgrund unter dem nahezu senkrechten Felsen auch auf den Bildern majestätisch oder aufrecht ungezähmt erscheinen zu lassen.

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Faulen Menschen sei gesagt: ja, man kommt auch mit dem Auto in die unmittelbare Nähe der Bastei. Doch ihr werdet dort oben nie das empfinden, was ich empfunden habe.

Und das ist in erster Linie Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, daß sich der mühsame Aufstieg gelohnt hat. Dankbarkeit, diesen unvergleichlichen Ausblick genießen zu dürfen. Sowie Dankbarkeit dafür, dieses Gefühl der Ergriffenheit zu erleben. Es war einfach bewegend, diesen kantigen Koloß von Rotenfels mit all seinen Bruchstellen neben sich zu sehen. Das Gefühl der Ergriffenheit wird durch ein Schwindelgefühl noch leicht verstärkt.

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Der weite Blick über mehrere Hügelketten hinweg ist es, der erst so richtig endgültig klarmacht, wie monumental und einzigartig das Rotenfelsmassiv hier an der Nahe steht.

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So nimmt es auch wenig Wunder, daß gerade hier am Fuße des Rotenfels die Nahe eine Drehung vollzieht und statt nach Osten nunmehr nach Norden fließt. Zugegebenermaßen liegt das auch an der blockierenden Wirkung des ebenfalls imposanten Rheingrafensteins im Osten, aber der Rotenfels ist dann doch so unitär, daß es zwischen ihm und dem Rheingrafenstein ein Tal als Trennung geben mußte.

Als Weintrinker blickt man vom Rotenfels mit besonderem Augenmerk auf einige Weinberge. Als bekannteste Weinlage kann hier wohl die keine 2ha große Traiser Bastei gelten, die sich am Fuße des Rotenfels auf dem weniger steilen Teilstück entlang schlängelt, bevor sich die Bundesstraße und die Nahe anschließen.

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Den Weintrinker erfüllt dieser Blick mit einer Wehmut, die weniger verklausulierte Schreiber mit „Durscht“ und Psychologen mit einem Trieb, der wahrscheinlich als Sublimat für die Gier nach Muttermilch ein Ausdruck des ödipalen Komplexes des Trinkers symbolisiert, bezeichnen. Mir gefällt Wehmut besser.

Nicht-Kletterern seien zwei Sachen verraten: Erstens, ich bin auch keiner. Zweitens, wo ein Auto hinkommt, kommt ein Fußgänger schon lange ohne Kletterausrüstung hin.

Wenn ich bedenke, was für Bilder ich gleich am ersten Tag vom Rotenfels geschossen habe und wie ich ihn egal aus welcher Perspektive des Nahetals immer beeindruckt vor Augen behielt, muß ich nun konstatieren, daß dies doch nur ein Vorspiel war gegenüber dem unmittelbaren Erlebnis Rotenfels.

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Eine kleine Weinprobe hatte ich beim Weingut Dr. Crusius in Traisen.

Traiser Riesling ZERO 2008, Alk.:12%
Nase: Pfirsich, Maracuja
Mund: relativ leicht, Hefe 80 CP

Traiser Riesling trocken 2008, Alk.:12%
N: Pfirsich, Apfel
M: Kohlensäure, Apfel, ansatzweise cremig, Schmelz 81 CP

Traiser Riesling XIII 2008 Alk.: 11,5%
N: Ananas, Apfel
M: gutes Säurespiel, schöne Frucht, relativ leicht 82 CP

Top of the Rock Riesling 2008 trocken Alk.: 12,5%
N: erdig, würzig
M: fruchtig, mild, rund, leichte Mineralik, würzig, noch nicht schwer 86 CP

Norheimer Kirschheck Riesling halbtrocken 2008
N: Gewürze, Steinobst, Mirabellen
M: schöne Frucht, annähernd dicht, leichte Mineralik 87 CP

Niederhäuser Felsensteyer Riesling trocken Großes Gewächs 2008
N: sehr eigen, erdig
M: enorme Dichte, Kraft, cremig, würzig 88 CP

Norheimer Kirschheck Riesling Spätlese 2007
N: Botrytis, Reineclauden
M: sehr dicht, vollmundig, cremig, sehr kräftige Frucht, mineralischer Nachhall 89 CP

Bericht vom Hamburger Weinsalon

Wie vor ein paar Tagen angekündigt, fand an diesem Wochenende der von Mario Scheuermann veranstaltete 25. Hamburger Wein Salon statt.

Die Rückkehr der Weinmesse in den ehemaligen Börsensaal der Hammelskammer hat sich gelohnt, da es hier doch geräumiger ist. Wie immer waren sehr interessante Winzer vor Ort, die ihre Weine zur Probe anboten.

104 Weine später, von denen ich zu 94 auch noch lesbare Notizen habe, muß ich konstatieren, daß der ganz große Kracher nach oben diesmal gefehlt hat. Das Niveau war aber, wie  von mir vorab vermutet, dennoch sehr hoch, und es gibt doch einige Weine, die ich als äußerst gelungen empfehlen will. Viele andere haben sicher auch ein großes Lob verdient, aber wenn ich über jeden der Weine meine Notizen abtippen würde, hätten die gerade wieder aufgetauten Hände sichlich bald einen Schreibkrampf.

Die Kollektion des Weinguts Albert Kallfelz von der Mosel war durch die Bank sehr gelungen.
Die 2008er Riesling Auslese aus den Terrassen des Merler Königslay ist für mich dennoch herauszuheben.
Nase: Graipefruit, Rheineclauden, Fruchtkorb; Mund: edle Süße, schöne Dichte, feine Frucht 92 CP

Die Weine von Chat Sauvage haben in diesem Jahr bei mir nicht ganz so grandios abgeschnitten, wie im Vorjahr. Da dies aber im Wesentlichen an dem sehr verschlossenen Bukett der Weine lag, das sich mit Zeit und anderen Gläsern sicher stärker öffnen wird,der Geschmack aber schon wieder phänomenal war, möchte ich die Weine uneingeschränkt empfehlen.
2007 Assmannhausen Höllenberg Pinot Noir Spätlese Gold
N: ultra dezent; M: fruchtig, konzentriert, Lakritz, gute Würze, kräftige Tannine 89++CP
2006 Rüdesheim Drachenstein Pinot Noir Spätlese
N: leichte Fruchtnoten; M: würzi, feine Frucht, große Eleganz 89+CP

Schloß Schönborn präsentierte ein hervorragendes Erstes Gewächs
2008 Hattenheim Pfaffenberg Riesling Erstes Gewächs
N: erdig, würzig; M: kräftig, würzig, vielschichtig, harmonisch, 91CP

Der zweitbeste trockene Weißwein, den ich verkostet habe, kam vom Weingut „zur Schwane“.Während ich beim Ersten Gewächs von Schloß Schönborn noch viel Potential sehe, glaube ich jedoch, daß dieser Silvaner bereits jetzt auf dem Optimum ist und deshalb so gut abschnitt.
2008 Volkach Ratsherr Silvaner No. 1
N: würzig, Frucht; M: kräftig, cremig, Schmelz, würzig 90CP

Sehr gut gefallen haben mir auch im Gegensatz zu den weißen Weinen die Spätburgunder vom Weingut Schwarzer Adler
2007 Spätburgunder Selection
N: vielschichtige Würznoten; M: sehr schön, erdig 90 CP
2007 Spätburgunder Selection S
N: würzig, Waldbeere; M: Schokolade, Kaffee, würzig, dicht 90CP

Besonders hervorzuheben sind auch die Weine der Königsmühle. Diese erweisen sich als absolut eigenständige und auch eigenwillige Weine, deren Entwicklung sicher interessant zu beobachten sein wird.

Die große Leithaberg-Horizontale habe ich nur zum Teil mitgemacht. Das hohe Niveau der von mir verkosteten 3 Weine läßt die Vermutung bestehen, hier unter Umständen an der falschen Stelle auf einen Schluck verzichtet zu haben.
Der 2007 Blaufränkisch von Hans & Anita Nittnaus verdient auf jeden Fall allerhöchstes Lob.
N: leichte Würze, schöne Frucht; M: sehr konzentrierte Frucht, dicht, elegant 91CP

Pian dell’Orino wurde vom Veranstalter mit dem Rotweinpreis der Veranstaltung ausgezeichnet. Mir gefiel ein anderer Wein des toskanischen Weinguts deutlich besser.
2004 Brunello di Montalcino Riserva
N: Strauß von Küchenkräutern; M: sehr elegant, rund, kräftig, Kräuter, Kirsche 91CP

Von Vasco Sassetti schafft es ein zweiter Brunello auf die Liste der von mir besonders zu empfehlenden Weine
2004 Brunello di Montalcino Riserva
N: kräutrig, sehr vielschichtig; M: noch verschlossen, dicht, kräftig, würzig, feine Frucht, kräftige Tannine 90+CP

Die letzte Empfehlung von Weinen, die bei mir 90 Punkte und mehr bekommen haben, geht an das Weingut La Capannelle
2004 Solare IGT
N: steinig, würzig M: viel Frucht, rund, harmonisch, kräftige Tannine 91 CP

Wie eingangs angedeutet, kann ich zu 10 der 104 Weine keine vernünftigen Notizen vorweisen, dies liegt aber keineswegs an einer im Laufe der zwei Tage unleserlich gewordenen Handschrift, sondern schlicht und einfach daran, daß hie und da meine Konzentration durch das Anpreisen der Weine durch das Standpersonal gestört wurde, so daß die Notizen unvollständig oder nicht vorhanden sind. Erinnert sich etwa noch jemand daran, was für einen Fisch er bei Aal-Kai erworben hat?

Eine Zusammenstellung der Berichte befindet sich beim Drinktank.

Forster und andere Ungeheuer

Unlängst begeisterte mich ein Forster Ungeheuer so sehr, daß ich dies als Auftrag zu einer Mission empfand, mich wieder mehr mit den Weinen der Mittelhaardt zu beschäftigen, nachdem ich zuletzt doch eher in den Gefilden der Südpfalz nach edlen Tropfen suchte.

Die Platzhirsche in der Mittelhaardt sind sicherlich neben dem Weingut Mosbacher die drei Bs; Buhl, Bürklin-Wolf und Bassermann-Jordan, wobei von letzterem das grandiose Große Gewächs stammte, daß mir einen bacchantischen Hochgenuß bereitete. Neben diesen großen Weingütern gibt es auch das Weingut Heinrich Spindler, das sich beharrlich gegen die Aufnahme in den VDP wehrt, aber Weine erzeugt, die sich vor denen der Platzhirsche nicht verstecken müssen.

Von diesem Weingut ließ ich mir ein Paket mit Weinen zukommen, die dann in einer geselligen Runde probiert wurden. Anbei meine Notizen zu den Weinen:

(1) Riesling Kabinett trocken 2008, Liter-Flasche, Alk.: 11,5%
Nase: Zitrus, Tabak, leicht floral
Mund: leichte Gärkohlensäure, deutliche knackige Säure, herb, fruchtig
Aus der Runde wurde „Schorlewein“ gerufen, was positiv gemeint war. Auch in meinen Augen ein Klasse Literwein, der als Sommerwein perfekt geeignet ist, auch ohne Zugabe von Wasser. Ein unkomplizierter, rustikaler Wein für jeden Tag. 83CP

(2) Riesling Kabinett trocken 2008, „Philosophie“, Alk.: 12%
Nase: recht verhaltene leicht florale Eindrücke
Mund: Säure ist ordentlich eingebunden, sehr fruchtiger Wein
Im Vergleich zu (1) ist dies der filigranere Wein, und er ist auch fruchtbetonter. Aufgrund des sehr dezenten Geruchs bei der Philosophie würde ich aber doch bei (1) zulangen. 82CP

(3) Rhodter Schloßberg Riesling trocken 2007, Liter-Flasche, Weingut Heußler, Alk.: 12%
Nase: Karamell, Aprikose, Rose
Mund: leichte Säure, etwas salzig, sehr rund, ordentliche Dichte, Graipefruit
Diesen Pirat aus der Südpfalz hatte ich eingebracht, weil der Wein weg mußte. Dafür präsentierte er sich in richtig guter Verfassung, auch wenn deutlich wurde, daß er nicht mehr lange Zeit hat, was auch die Nachverkostung ergab. 83CP

(4) Forster Pechstein, Riesling Spätlese trocken 2008, Alk.: 13%
Nase: Birne, Feige, Rauch
Mund: sehr herb, würzig, mineralisch
Der Einstieg in die Lagenweine war zugleich ein spürbarer Anstieg des ohnehin schon hohen Qualitätsniveaus. 88CP

(5) Forster Ungeheuer, Riesling Spätlese trocken 2008, Alk.: 13%
Nase: Kräuterwürze, Tabak, leicht floral
Mund: sehr kräftig, beinahe barocke Opulenz, würzig, leicht salzig, sehr gute Länge, echtes Kraftpaket, mineralisch
Das war jetzt ein richtiges Highlight, für das alleine schon sich die Probe gelohnt hat. Ich mag solche kräftigen zupackenden Weißweine, die einen so schnell nicht mehr loslassen. Der Wein traf genau meinen Stil. 91 CP

(6) Forster Kirchenstück, Riesling Spätlese trocken 2008, Alk.: 13,5%
Nase: Feige, Maracuja, Graipefruit
Mund: feine leichte Mineralik, salzig, sehr intensive fruchtige Noten, rund, harmonisch, gute Länge
Den Wein mit dem zuvor verkosteten Ungeheuer zu vergleichen, fällt richtig schwer, weil es 2 gegensätzliche Weintypen sind. Dies ist der filigranere, fruchtigere Wein, während das Ungeheuer kräftig und fruchtig ist. Ich stelle es mir sehr spannend vor, die Entwicklung der beiden Weine zu beobachten, wobei das Kirchenstück jetzt schon geordneter erscheint als das derzeit noch ungestüme Ungeheuer. Die Reihenfolge war für das Kirchenstück etwas unfair, da es einem solchen Wein nach einem zuvor sehr kräftigen Wein natürlich schwer fällt. 90 CP

(7) Forster Ungeheuer, Riesling Auslese 2005, Alk.: 8,5%
Nase: Honig, Aprikose
Mund: sehr dicht, ölig, extreme Süße, extraktreich, gute Länge
Ein feiner Abschluß, zu dem die mitgebrachten selbstgebacken Plätzchen sehr gut paßten. Wieder einmal stellte ich fest, wie polarisierend Süßwein ist und wie schwer zu beschreiben ist, was seine Aura ausmacht. 89 CP

Für mich war dies eine sehr schöne Probe, die durch eine beeindruckende Kollektion aus dem Hause Spindler und die netten Gäste ermöglicht wurde. Bereits die einfachen Weine wußten vollends zu überzeugen. An der Mittelhaardt produzieren eben nicht nur die Platzhirsche gute Weine.
Der Jahrgang 2008 verdient sicher mehr Beachtung, als ich ihm bisher geschenkt habe, auch wenn er es nach den grandiosen 2007ern einfach schwer hat.

Ob sich auf den vom Hoffotografen (endlich paßt es mal das Wort mit f zu schreiben) geschossenen Bildern, die im Titel versprochenen weiteren Ungeheuer verbergen, mag ich noch nicht beurteilen, werde dies aber gerne zur gegebenen Zeit nachreichen.

Weinprobe Festtagsweine

Vergangenen Freitag fand im Euro Weinkontor eine Weinprobe unter dem Motto Festtagsweine statt. Ich fürchte zwar, daß meine schlechte Laune ihren Niederklang in den Verkostungsnotizen fand, kann aber dennoch ein paar Weine herausstellen, die ich sehr gelungen fand. Generell ist natürlich anzumerken, daß eine Weinprobe gerade für solche Weine nicht unbedingt den richtigen Rahmen spendet, da man den Weinen nur einen Schluck Aufmerksamkeit widmen kann, anstatt ihn über Stunden zu zelebrieren.

Pago la Jara 2003, Spanien – Toro, Telmo Rodriguez (rot)
Nase: dichte Frucht, Heidelbeere, Vanille
Mun: rund, fruchtig, schwer, Bitterschokolade 90 CP für 44,90€

Altos de Lanzaga 2003, Spanien – Rioja, Telmo Rodriguez (rot)
Nase: Heidelbeere, Eukalyptus, Brennessel
Mund: fruchtig, Schokolade, rund, süßlich, dicht 90 CP für 39,90€

Vino Nobile de Montepulciano 2005, Italien – Toskana, Sangiovese, Avignonesi (rot)
Nase: Kirsche, Leder, Kräuter
Mund: sehr run, fruchtig, leichte Säure, ordentliche Tannine, erdig 89 CP für 21,90€

Barolo Sorano 2004, Italien – Piemont, Nebbiolo, Ascheri (rot)
Nase: Kirsche, Waldbeere, Mandel
Mund: Marmelade, dicht, süße Frucht, kräftig 88 CP für 27,90€

Chateau Montus Prestige 1998, Frankreich – Südwesten – Madiran, Tannat, Bouscasse (rot)
Nase: Leder, animalisch, erdig
Mund: würzig, kräftig, enorme Dichte, harte Tannine 88 CP für 37,90€

Amarone 2005, Italien – Venetien, Zenato (rot)
Nase: medizinal, würzig, Melisse
Mund: sehr fruchtig, süß, kräftige Gerbasäure 88 CP für 37,90€

Gigondas 2005, Frankreich – Rhone, Xavier Saint-Francois
Nase: Kirsche, Cassis, Garrigue
Mund: mittlerer Körper, ordentliche Gerbsäure, etwas alkoholisch, Schokolade, mineralisch, gute Länge 87 CP für 16,90€

Deutsche Rotweine

Am heutigen Freitag fand im Euro Wein Kontor eine Weinprobe zum Thema Rotweine aus Deutschland. Von den 27 angebotenen Weinen konzentrierte ich mich auf die Spätburgunder und die höher bepreisten Rotweincuvees.
Besondere Erwähnung verdienen m.E. folgende Weine:

Pinot Noir trocken 2007, Holger Koch, Baden
N: Minze, Brennessel, Beeren
M: fruchtig konzentriert, leichte Minze

Spätburgunder trocken Wallufer Walkenberg 2006, Toni Jost, Rheingau
N: Eukalyptus, Salbei
M: würzig, gute Dichte, fleischig, mineralisch
m.E. der insgesamt stimmigste Abend des Abends, insbesondere in Korrelation zum Preis von 13,90€

Spätburgunder „M“ trocken 2007, Markus Schneider, Pfalz
N: Salbei, Melisse, würzig
M: würzig gute Dichte, erdig, schöne Beerenfrucht

Black Print trocken 2007, Markus Schneider, Pfalz
N: Waldbeere, Veilchen
M: sehr dicht, fleischig, Schokolade, Fruchtbombe, zu deutlich auf Kraft gemacht
m.E. durchaus ein sehr guter Wein, aber eben doch so vinifiziert, daß ich nicht im Traum daran denke 20€ dafür hinzublättern, allein schon weil er mir zu sehr nach Kellertechnik schmeckt

Luitmar trocken 2007, Philipp Kuhn, Pfalz
N: Minze, pflanzliche Noten
M: Frucht, sehr rund, harmonisch, leichte Säure
Eine echte Überraschung. Philipp Kuhn ist ja durchaus für seine Rotweine bekannt und dennoch ist es kaum zu glauben, aus was für Rebsorten der Wein gemacht ist. St. Laurent war noch die Rebsorte, zu der man am ehesten typisch Pfalz sagen könnte. Cabernet ist aber auch gegen den ebenso enthaltenen Sangiovese fast noch normal in den heutigen Zeiten. Dennoch ein durchaus gelungenes Experiment

Cuvee X trocken 2005, Knipser, Pfalz
N: Minze, Waldbeeren, Kräuter
M: ordentliche Dichte, leicht fleischig, kräftig, Schokolade, Kräuter
Jahhhhh…. Sehr gut…. Zweifelslos….. Aber dafür jetzt 45 Tacken hinlegen? Never in your wildest dreams. In der Preisregion muß ein Wein echte Gefühle hervorrufen, und das tat die Cuvee X nicht

Steinsatz trocken 2005, Markus Schneider, Pfalz
N: Brotrinde, Tee, Kräuter
M: sehr saftig, fruchtig, erdig, mineralisch, leichter Körper
Für mich der beste Wein des noch frühen Abends, aber mit sehr geringem Vorsprung vor dem Wallufer Walkenberg, der zweifelslos das beste Preis-Leistungs-Verhältnis bot.

Wieder eine sehr schöne Probe, die auch das Potential deutscher Rotweine aufgezeigt hat. Dennoch ist in Deutschland nach wie vor viel zu tun. Die meisten Weine kamen aus dem Paradejahrgang 2007, und wenn schon in diesem Jahr nicht mehr Wein für das Geld geboten werden kann, dann muß sich Deutschland weiterhin fragen, wie es sich gegen Burgund,  Südfrankreich oder Österreich behaupten will.

Weinprobe Frankreich und Pfennigfuchser

Das EuroWeinKontor in St. Georg zeigt hin und wieder in kostenlosen Weinproben Ausschnitte aus seinem Sortiment. Diesen Freitag lief die Probe unter dem Motto Weine aus Frankreich. Bei der Probe konzentrierte ich mich auf die Rotweine, was meinen Gaumen immer noch mit 16 Weinen in Verbindung brachte. Das Sortiment des EuroWeinKontor ist unteren Preissegment -5€ eher dünn besiedelt, hat den größten Anteil im mittleren Preissegment von 7€-15€ (normalerweise geht das mittlere Preissegment bei mir von 5-11€, aber damit scheine ich unter Weinliebhabern schon ziemlich geizig zu sein), aber auch einen hohen Anteil im oberen Preissegment. Bei den over the Top Preisen im dreistelligen Bereich ist man dagegen eher zurückhaltend. Die vorgestellten Weine kamen hauptsächlich aus dem mittleren Preissegment mit einigen Ausflügen in die Nachbarregionen. Wo ich gerade bei Regionen bin. Die Weine kamen vor allemaus dem Rhone-Tal und dem Bordelais, mit schönen Ausflügen ins Languedoc und nach Burgund.

Wein des frühen Abends war für mich mit dem Grand Prieur 2002 vom Chateau Font des Prieus aus der Appelation Coteaux du Languedoc. Er hatte einen sehr intensiven Duft, der sehr würzig aber schwer zu durchdringen war. Eukalyptus scheint mir enthalten gewesen zu sein. Am Gaumen war er sehr kräftig und zugleich elegant. Die enorm konzentrierte Dichte fügte sich zu einer sehr schönen Harmonie mit der Würze und Eukalyptusnoten. 45€ sind mir hierfür aber leider trotz allem zu viel.

Der 2003er von Chateau Lamothe Bergeron aus dem Haut-Medoc bot da ein deutlich angenehmeresPreis-Leistungs-Verhältnis. Das Bukett roch nach Vanille, Cassis, Malz und Gewürzen. Am Gaumen präsentierte sich der Wein sehr kräftig und erdig mit einem Hauch Schokolade. Dieser Bordeaux war für mich der zweite Wein des Abends, klar eine Stufe unter dem Grand Prieur, aber oberhalb der restlichen Weine des oberen Preissegments und damit der Gewinner des mittleren Preissegment.

Im mittleren Preissegment hervorzuheben ist der 2006er Chateau Roland la Garde von den Premieres Cotes de Blaye im Bordelais, der für mich das schönste weil vielschichtigste Bukett des Abends hatte. Neben Laub und Cassis roch er auch nach Hagebutten, Gemüse und erdig. Weiterhin zu nennen wären hier der Grand Marrenon 2004 der Celliers de Marrenon aus der AOC Cotes du Luberon und der Little James Basket Press von Chateau Sainte Cosme ein als Tafelwein ausgewiesener Wein mit sehr lustigem Etikett aber auch sehr gutem Geschmack. Beide Weine kommen aus dem Dunstfeld des Rhone-Tals.

Die Nacht der guten Weine

Bei der Nacht der guten Weine denkt wahrscheinlich jeder diesen bescheuerten Titel habe ich mir einfallen lassen. Weit gefehlt! Es handelt sich um eine Aktion des deutschen Weinfachhandels in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Weininstitut. In ganz Deutschland nahmen Weinhändler an der Aktion teil und veranstalteten Events, um mehr Freunde des Alkohols für den Wein zu gewinnen. In Hamburg z.B. die Weinlounge Hamburg in Hoheluft die Cocktails mit Schaumwein kombinierte. Ich entschied mich dann doch für eine klassische Weinverkostung bei Pinot Gris am Winterhuder Marktplatz.
Unter fachkundiger und enthusiastischer Leitung verkosteten wir eine ganze Reihe von Weinen, bei denen es kaum Ausfälle gab. Auch wenn sich die Probenleitung leider bevor ich kam von 50 auf 20 zu verkostende Weine herunterhandeln ließ, wurden es mit 26, zu denen ich mir Notizen gemacht habe, dann doch so viele, daß ich mich auf die Highlights beschränken möchte. Wenn ich diesmal Punkte am meine Verkostungsnotizen schreibe, so besitzen diese aufgrund der Flüchtigkeit des Eindrucks natürlich eine noch geringere Aussagekraft als meine sonst nicht veröffentlichten, aber da ich sonst den Wein ausführlicher studieren und beschreiben kann, möchte ich die Punkte als zusätzliches Merkmal hier mitaufnehmen.

Riesling Kabinett trocken 2008, Clemens Busch, Mosel
Schöner sehr trockener Wein mit typischen Graipefruitnoten und knackiger Säure

Trebbiano d’Abruzzo DOC 2008 , Az. Agricola Jasci, Italien – Abruzzen
sehr trocken mit interessanter fruchtiger Aromatik, hervorragender Alltagswein

Riesling Großes Gewächs 2008, Clemens Busch, Mosel – Pündericher Marienburg
N: recht dezent, erdig, Intensität nimmt mit Luft zu, Graipefruit
M: schöne Dichte, sehr würzig, harmonisch
88+ CP

Riesling Großes Gewächs 2008, Clemens Busch, Mosel – Pündericher Marienburg Rothenpfad
N: Zitrusnoten, Graipefruit, würzig
M: recht dicht, erdig, mineralisch
90 CP

Riesling Großes Gewächs 2008, Wittmann, Rheinhessen – Westhofener Morstein
N: Schwer zu durchdringen noch sehr verschlossen
M: dicht, harmonisch, würzig
90 CP (ich kann mich dem Hype um den Wein momentan noch nicht anschließen, dazu ist er einfach viel zu verschlossen, die 90 sind schon mit viel Zukunftspotential versehen)

Riesling Großes Gewächs 2008, Wittmann, Rheinhessen – Westhofener Aulerde
N: Pfirsich, Tabak, würzig
M: Fein, dicht, elegant
93 CP (der trockene Wein des Abends, darin möchte ich wirklich baden)

Montepulciano d’Abruzzo DOC „Poema“ 2002, Az. Agricola Jasci, Italien – Abruzzen
N: erdig, Pfeffer
M: dicht, kräftig, rund
87 CP

L’Angelet Crianza 2005, Bodegas Palmera, Spanien – Utiel-Requena
N: recht dezent, floral, Basilikum
M: sehr dicht, würzig, Schokolade
87 CP

L‘ Angelet d’Or 2000, Bodegas Palmera, Spanien – Utiel-Requena
N: Malz, würzig
M: extreme Dichte, sehr kräftig, würzig, harmonisch, gute Länge
90 CP

Riesling Auslese *** 2001, Clemens Busch, Mosel
N: Bortrytis
M: sehr dicht, fruchtig, sehr rund, lang
89 CP

Riesling Auslese 2001, Heyl zu Heinsheim, Rheinhessen
N: sehr fruchtig, Honig
M: filigran, fruchtig, dicht
91 CP

Riesling Beerenauslese (Nr. 2) 1999, Clemens Busch, Mosel – Pündericher Marienburg
N: Honig, Wachs, blumig, Bortrytis
M: sehr elegant, fruchtig, dicht, filigran
93 CP

An den hier beschriebenen Weinen läßt sich schon sehr gut erkennen, daß uns auch echte Raritäten ausgeschenkt wurden, was nicht unbedingt selbstverständlich ist.
Der Andrang auf die Verkostung war nur mäßig. Vielleicht kann sich der Fachverband noch einmal überlegen, wie er die Nacht der guten Weine zu einer Institution machen kann, um einer breiteren Öffentlichkeit die Qualität des im Fachhandel verkauften Weins näher zu bringen, denn dieser schöne Event hatte doch eher den Charakter eines Kundenbindungsprogramms, da nahezu alle zu den Stammkunden gehörten (mich wechsel- und sprunghaften Menschen einmal ausgenommen).