Das System schlägt zurück

Anfangs konnte ich noch denken, dass Christian Wulff Unrecht getan wird. Obwohl die Verheimlichung des Kredits vor dem Landtag von Anfang an bis zum Himmel gestunken hat, konnte ich noch glauben, dass er bei der Annahme des Kredits wirklich keine Hintergedanken hatte und nichts ferner von ihm lag, als dafür Vorteile zu gewähren. Es war für mich noch glaubhaft, dass es sich bei Herrn Gehrkens tatsächlich um einen väterlichen Freund handelte und nicht um einen politischen Freund. Die Mitnahme von Gehrkens auf Reisen war letztlich ein zu geringer Vorteil, als dass ich Wulff diesen vorhalten wollte.

Die Annahme des Kredits geziemt sich für einen Politiker dagegen schlicht und einfach nicht. Ja, für einen Politiker gelten andere Regeln! Ein selbstständiger Unternehmer vertritt zunächst mal die eigenen Interessen und darf dementsprechend auch Vorteile von anderen annehmen, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen. Ein Politiker vertritt dagegen die Interessen des Volks und darf sich bei der Vertretung der Interessen des Volks nicht von persönlichen Interessen oder Verpflichtungen leiten lassen. Insofern war das Kreditgeschäft ein kapitaler Fehler für einen Politiker, die Verheimlichung vorm Parlament eine Frechheit und das Rumlavieren vor der Presse ein Armutszeugnis.

Was die folgenden Enthüllungen offenbarten, waren drei wichtige Erkenntnisse über unseren Bundespräsidenten. Erstens, dass er keinen Respekt vor der Pressefreiheit hat, zweitens dass er eine sehr merkwürdige und übertriebene Rhetorik pflegt und drittens, dass die Annahme und Gewährung von Vorteilen bei Christian Wulff kein Einzelfall ist. Die Regelmäßigkeit und Selbstverständlichkeit mit der Christian Wulff als gewählter Vertreter des Volks kleine Annehmlichkeiten von Interessenvertretern annimmt ist kein Zufall, sie hat System. Das System Wulff beinhaltet mächtige Freunde auch in der Industrie, mit denen er ohne seine politischen Ämter sicher nicht befreundet wäre. Das System Wulff besteht aus so vielen kleinen Gefallen, die er angenommen hat, dass es einfach nahe liegt zu glauben, dass er ebenso viele kleine Gefallen gewährt hat. Schlimm daran ist, dass es zu seinen Aufgaben als Amtsträger gehört, die Wirtschaft seines Landes zu fördern und Arbeitgeber zu unterstützen, wenn dadurch Arbeitsplätze gesichert werden können. Doch durch die Annahme der Gefallen wirken Gefallen seitens Wulff nicht als Wahrnehmung seiner Aufgaben als Landesvater, sondern als Zeichen der Bestechlichkeit.

Die Vielzahl der Gefallen, die Christian Wulff wie selbstverständlich angenommen hat, sorgen jetzt dafür, dass er für die Presse ein gefundenes Fressen ist. Sein langes Durchhalten sorgt nur dafür, dass die Journalisten nicht von ihm ablassen und immer mehr Peinlichkeiten des Systems Wulff zu Tage fördern. Auch wenn Christian Wulff bemitleidenswert lächerlich wirkt, so muss man dennoch kein Mitleid mit ihm haben. Er hat die Saat für den Spott, den er jetzt erntet, selbst gelegt.

2 Responses to “Das System schlägt zurück”

  1. Jan K. sagt:

    Wulff ist einfach das aktuellste Beispiel für ein sehr typisches Politikerverhalten. Wenn einem etwas vorgeworfen wird, wird so lange dementiert und dann schrittweise zugegeben, bis es allen zum Hals raushängt und man es nicht mehr lesen und hören will. Es ist erstaunlich, dass das Publikum es diesmal so lange mitmacht.

  2. Clemens sagt:

    Hallo Jan,

    sehe ich genauso. Früher sind Politiker doch deutlich schneller und teilweise wegen weniger zurücktreten. Wegen privat genutzter Flugmeilen oder Missbrauch des Dienstwagens braucht mir kein Politiker zurücktreten. Aber bei der Annahme von Vorteilen von Privaten ist für mich eine Grenze durchbrochen.
    Das Politiker so etwas durchziehen wollen, zeigt für mich deutlich ihr wahres Gesicht und ihre Meinung über den Wähler. Sie halten ihn für dumm und glauben ihn für dumm verkaufen zu können.

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